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Sterbehilfe : Darf er oder muss er sterben?

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In Belgien ist die Debatte über aktive Sterbehilfe wieder entbrannt. Anlass ist der umstrittene Fall eines psychisch kranken Häftlings. Dieses Mal werden auch Fürsprecher der „Tötung auf Verlangen“ zu Kritikern.

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          Auf den ersten Blick ist es ein Schicksal, das Frank Van den Bleeken mit vielen seiner belgischen Landsleute teilt. In Kürze wird er unter Berufung auf unerträgliche psychische Leiden aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Immer mehr Belgier beschließen, auf diesem Weg aus dem Leben zu scheiden. Betrug nach Inkrafttreten des Sterbehilfe-Gesetzes im Jahr 2003 die Anzahl der Fälle von „Tötung auf Verlangen“ zunächst jährlich einige hundert, so stieg sie bis 2013 auf mehr als 1800. Fast scheint die als „Euthanasie“ bezeichnete Sterbehilfe in Belgien zur Routine geworden zu sein. Bei Van den Bleeken liegen die Dinge jedoch anders. In seinem Fall lautet die Kernfrage: Darf er oder muss er sterben?

          Seit drei Jahrzehnten ist der heute 50 Jahre alte Flame wegen mehrfacher Vergewaltigung und der Ermordung einer jungen Frau in einem Gefängnis inhaftiert – obwohl er offiziell für schuldunfähig erklärt worden ist. In Belgien mangelt es jedoch an geeigneten Einrichtungen zur psychiatrischen Behandlung und Betreuung von Häftlingen wie Van den Bleeken, der sich auch Jahrzehnte nach seinen Taten nicht von sexuellen Zwangsvorstellungen oder –phantasien lösen kann. Sein erster, im Jahr 2010 gestellter Antrag auf Sterbehilfe scheiterte an dem Einwand des für die Bewilligung zuständigen Gremiums, dass zunächst alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft werden müssten.

          „Ich bin eine Gefahr für die Gesellschaft“

          „Ich bin eine Gefahr für die Gesellschaft“, hatte Van der Bleeken im vergangenen Jahr im belgischen Fernsehen gesagt. Neue Hoffnung keimte für ihn auf, als sich eine niederländische Spezialklinik zur Behandlung bereit erklärte. Ein beim belgischen Justizministerium eingebrachter Antrag auf Verlegung in die rund 80 Kilometer entfernte Einrichtung rief jedoch ein Brüsseler Gericht auf den Plan. Es befand, das Ministerium sei nicht befugt, über die Verlegung in das Nachbarland zu entscheiden. Letztlich wurde daher dem Antrag von Van den Bleeken auf Sterbehilfe stattgegeben.

          Ungewöhnlich ist, dass sich in Belgien jetzt besonders die Befürworter einer liberalen Sterbehilfe-Gesetzgebung über den Fall Van den Bleeken erregen. In einem am Dienstag von der Zeitung „De Morgen“ veröffentlichten Gastbeitrag schrieben die sozialistischen Parlamentarier Freya Van den Bossche  und Bert Anciaux, einer der Initiatoren der jüngsten Neuregelung, die Sterbehilfe auch bei Kindern zulässt: „Wir können uns nicht mit einem Tod abfinden, der aus Mangel an psychischer Behandlung gewählt wird.“

          Nicht nur die beiden Politiker befürchten, dass die Weigerung der Justiz, eine Behandlung Van den Bleekens in den Niederlanden zu erlauben, die Zahl der Anträge von psychisch kranken Gefängnisinsassen auf Sterbehilfe jetzt  kurzfristig in die Höhe treiben wird. In den Chor der Kritiker stimmt auch der Palliativmediziner Wim Distelmans ein, an dessen Einsatz für die Erleichterung der Sterbehilfe sich die Geister in Belgien seit Jahren scheiden. Distelmans hatte sich 2010 als behandelnder Arzt von Van den Bleeken gegen eine Tötung auf Verlangen ausgesprochen, da nicht alle therapeutischen Wege beschritten worden seien. Der Zeitung „De Morgen“ sagte er jetzt: „Wenn der Mann Sterbehilfe erhält, dann frage ich mich, wie der Staat mit seinen Häftlingen und seinen Schwächen im Umgang mit ihnen umspringt.“ Unter Anspielung auf wiederholte Kritik des Europarats an Missständen in belgischen Gefängnissen fügte Distelmans hinzu: „Belgien hat schon einen schlechten Ruf, wenn es um die Betreuung von Häftlingen geht. Das, zusammen mit einem aufsehenerregenden Thema wie Sterbehilfe, wird für Gesprächsstoff sorgen.“ 

          Dass Belgiens Image jenseits der Grenzen  angekratzt ist, liegt auch an der beharrlichen Art, in der sich Distelmans und seine Mitstreiter grundsätzlich für die Erleichterung der „Tötung auf Verlangen“ einsetzen. Das ursprünglich 2002 erlassene belgische Gesetz ermöglicht aktive Sterbehilfe nicht nur, wenn ein Mensch sich im Endstadium einer tödlich verlaufenden Krankheit befindet, sondern auch bei unerträglichen psychischen Leiden. Mit der im vergangenen Februar vom Parlament verabschiedeten Neuregelung ist aktive Sterbehilfe auch für Kinder im Endstadium einer tödlichen Krankheit möglich.

          Anders als in den benachbarten Niederlanden, wo in der Praxis ein Mindestalter von zwölf Jahren gilt, sieht das belgische Gesetz keine untere Altersgrenze vor. Für inhaftierte psychiatrische Patienten könnte sich 2016 einiges zum Besseren wenden. Dann wird ein Gesetz in Kraft treten, das inhaftierten psychiatrischen Patienten eine angemessene medizinische Betreuung zusichert. Für Van den Bleeken wird die Neuregelung zu spät kommen. Er darf oder muss vorher sterben. „Mein Mandant darf für 48 Stunden in ein Krankenhaus gebracht werden, um von seiner Familie Abschied zu nehmen und auf eine menschenwürdige Art zu sterben“, zitierte die Zeitung „De Standaard“ seinen Anwalt Jos Vander Velpen.

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