https://www.faz.net/-gpf-zp5o

Steinmeier im Kaukasus : Ritt über den abchasischen Vulkan

  • -Aktualisiert am

Außenminister Frank-Walter Steinmeier übt sich in einer neuen Rolle und wirbt für den deutschen Friedensplan

          4 Min.

          An Selbstironie mangelt es dem georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili wahrlich nicht: Eigentlich müsse man ihn "King Fountain I." nennen, witzelte er am Donnerstagabend gegenüber seinem deutschen Gast, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) - das sei doch auf alle Fälle besser als "Caligula". Denn die allergrößte Leidenschaft des für seinen Machismo bekannten Präsidenten sind nicht Frauen, Autos oder das Nationalgericht Chatschapuri, sondern: Springbrunnen. Überall im Land lässt er sie errichten, natürlich auch in der Schwarzmeerstadt Batumi, wo er eine Residenz gleich hinter dem Strand geerbt hat.

          Gegen Mitternacht, nach schwierigen Gesprächen über die Lösung des Konflikts um die abtrünnige Region Abchasien, führte er Steinmeier sein bunt angestrahltes Prachtstück an der Uferpromenade eigens vor, auch ein Orchester war da und Sängerinnen und Sänger, die Arien wie Puccinis "Nessun dorma" trällerten - und dabei sprang der Brunnen im Takt, so kitschig es eben nur ging. Sogar eine deutsche und eine georgische Flagge wurden in das Wasser projiziert. Ganz begeistert musste Steinmeier sein und durfte auch danach noch nicht ins Bett, weil der Präsident mit ihm unbedingt jetzt und überhaupt noch einen speziellen kaukasischen Kaffee trinken wollte.

          So war es wohl nicht dem Zufall, sondern dem Geschick des obersten deutschen Diplomaten geschuldet, dass Saakaschwili am Tag darauf irgendwie viel freundlicher wirkte, engagierter und geradezu offen gegenüber dem Berliner Ansinnen, die Gespräche zwischen der Regierung in Tiflis und den abtrünnigen Abchasen wieder in Gang zu bringen. Als Steinmeier nach seinem mehrstündigen Ausflug nach Abchasien am Freitagnachmittag nach Batumi zurückkehrte, ließ es sich Saakaschwili jedenfalls nicht nehmen, ihn fröhlich an die deutsche Regierungsmaschine zu begleiten, bevor Steinmeier zur nächsten Station dieser ungewöhnlichen Reise weiterfliegen konnte: in die russische Hauptstadt Moskau. Von dort werden die Abchasen militärisch und wirtschaftlich unterstützt, seitdem sie sich nach dem Zerfall der Sowjetunion in blutigen Kämpfen von dem neuen georgischen Staat losgesagt hatten. Und ohne Moskau, das Georgien, Abchasien und den ganzen Kaukasus mehr oder weniger seit den Tagen Katharinas der Großen beherrschte, lässt sich in dem gefährlichen Streit bis heute nichts ausrichten.

          Dabei wird es höchste Zeit. Denn gerade in den vergangenen Wochen schien dieser "eingefrorene Konflikt", wie ihn die Diplomaten nennen, wieder gefährlich aufzutauen, als ein unbekanntes georgisches Aufklärungsflugzeug durch russische Raketen abgeschossen wurde und Moskau zudem in einer Drohgebärde Kampfflugzeuge über Süd-Ossetien fliegen ließ, das andere von Georgien abtrünnige Gebiet. Bei Feuergefechten und Bombenanschlägen starben sechs Menschen, Dutzende wurden verletzt. Da nahm die Regierung in Berlin, in einer für sie ganz neuen Rolle und mit einem nicht selbstverständlichen Gefühl von gewachsener weltpolitischer Verantwortung, das Heft das Handelns in die Hand und aktivierte die "Freundesgruppe des UN-Generalsekretärs für Georgien", deren Koordinator Deutschland ist und zu der auch Großbritannien und Frankreich, vor allem aber Amerika und Russland gehören, die beide um Einfluss in der Region ringen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Krise : Spahn im Fahrstuhl

          Die Bekämpfung der Corona-Pandemie ist zu einer Schicksalsfrage für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geworden. Sie kann ihn nach ganz oben tragen – oder in den politischen Keller.
          Ein Mann mit Maske spaziert über den Max-Joseph-Platz in München - dort ist das Tragen des Mundschutzes noch keine Pflicht.

          Liveblog zum Coronavirus : Jena plant eine Maskenpflicht

          Australien greift hart gegen Regelverstöße durch +++ EU-Milliardenspritze für Kampf gegen Corona +++ Frankreich mit mehr als 3000 Todesopfern +++ Niedersachsen nimmt keine Patienten in Pflegeheimen mehr auf +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.
          Eine freiwillige Patientin an einer CPAP-Atemhilfe in England.

          Produktion in Corona-Krise : So hilft die Formel 1 beim Überleben

          Die Räder in der Formel 1 stehen still. Doch auch in der Corona-Krise fließen die Ideen, die Produktion läuft. Die englischen Teams helfen der Regierung. Ziel der konzertierten Aktion ist die Entlastung der Medizin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.