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Stammzellen : Bischöfe kritisieren Schavan

Kardinal Meisner zeigte sich empört über Schavans Parteitagsrede Bild: AP

Was vor einer Woche anscheinend glatt über die Parteitagsbühne der CDU lief, führt nun doch zu einer heftigen Debatte: Die katholische Kirche kritisiert den Beschluss, die Grenzen für eine Forschung an embryonalen Stammzellen auszuweiten. Sie warnt vor der „Instrumentalisierung menschlichen Lebens“.

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          Was am späten Abend vor einer Woche in Hannover so scheinbar glatt über die Parteitagsbühne der CDU gelaufen ist, hat im Nachhinein zu einer heftigen Debatte geführt. Es geht um den Beschluss der Partei, die Grenzen für die Forschung an embryonalen Stammzellen auszuweiten.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Bislang dürfen von deutschen Forschern nur solche embryonalen Stammzellen verwendet werden, die vor dem Jahr 2002 gewonnen wurden; die CDU hat nun dem Drängen der Wissenschaft nachgegeben, den Stichtag nach hinten zu verlegen.

          Scharfe Kritik an diesem Beschluss kommt nun von kirchlicher Seite, vor allem der katholischen. Sie gilt zuvörderst Bundesforschungsministerin Schavan, trifft aber auch die Parteivorsitzende, Bundeskanzlerin Merkel, die sich in der Debatte am vergangenen Montag als Schlussrednerin vehement für den Schavan-Antrag eingesetzt hatte.

          Der Eingriff in die unbefruchtete Eizelle.

          „Weitere Verfügbarkeitsansprüche“

          In gewohnt unverblümter Diktion meldete sich zunächst der Erzbischof von Köln zu Wort. Kardinal Meisner zeigte sich vor allem darüber empört, dass Frau Schavan in ihrer Parteitagsrede ausdrücklich „ihre Eigenschaft als katholische Theologin in die Waagschale“ geworfen habe, obwohl sie sich inhaltlich gegen die Position der katholischen Kirche gestellt habe: Das sei „ein Missbrauch des Wortes ,katholisch' für eine von durchsichtigen Forschungsinteressen motivierte Kampagne“, sagte Meisner dem heimischen „Kölner Stadt-Anzeiger“.

          Aber auch Gebhard Fürst, Oberhaupt der Diözese Rottenburg-Stuttgart und damit der Ortsbischof der Ministerin und baden-württembergischen Bundestagsabgeordneten, kritisierte die Entscheidung in ebenso deutlichen Worten wie der evangelische Landesbischof Frank Otfried July. Fürst sagte der Zeitung „Sonntag aktuell“, er sei enttäuscht, dass ausgerechnet die CDU diese Position geräumt habe. Wenn der Stichtag einmal verschoben sei, könnten weitere Verschiebungen nicht verhindert werden.

          Die CDU habe nun den „ersten Schritt zu einer völligen Liberalisierung“ getan, sagte er. Fürst war von 2001 bis 2005 Mitglied des Nationalen Ethikrates und gilt innerhalb der katholischen Kirche als Fachmann für Fragen der Bioethik. Auch die Nationalsozialisten, so Fürst, hätten Menschenversuche mit der Begründung gerechtfertigt, hiermit die Heilungschancen anderer Menschen zu verbessern. July warnte vor der „Instrumentalisierung menschlichen Lebens“. Die Entscheidung des CDU-Parteitags habe den Weg zu „weiteren Verfügbarkeitsansprüchen“ bereitet.

          Auch Kritik von der Parteibasis

          Etwas geschmeidiger äußerte sich der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann: „Unsere Antwort ist ein entschiedenes und klares Nein. Das kann ich so im Parteitagsbeschluss der CDU nicht mehr erkennen.“ Lehmann forderte im „Spiegel“, den „Fraktionszwang“ in dieser Frage aufzuheben.

          Damit stürmte er freilich ein offenes Tor, denn anders ist in der Union in diesen Fragen bisher nie entschieden worden, und nichts deutet darauf hin, dass der Fraktionsvorsitzende Kauder dies jetzt anders handhaben will. Im Übrigen hielt sich Kauder, der wie Frau Schavan dem baden-württembergischen Landesverband entstammt, ebenso wie die Parteiführung in dieser Frage bedeckt.

          Die knappe Entscheidung des CDU-Parteitages in Hannover stößt aber auch an der Parteibasis auf Kritik. Ablehnung ist vor allem aus dem CDU-Kreisverband Alb-Donau/Ulm zu vernehmen, dort liegt auch der Wahlkreis der Ministerin. Ein dortiger „Christdemokrat für das Leben“, Leander Förster, zeigte sich „erschüttert“, dass Frau Schavan sich über einen „mit überwältigender Mehrheit gefassten Beschluss des Kreisverbandes“ gegen die Aufweichung der Stichtagsregelung hinweggesetzt habe.

          „Keinen Zentimeter“ abgerückt

          In Schutz genommen wurde die Ministerin zunächst von CDU-Politikern der zweiten Reihe - vielleicht auch, um die Sache nicht „zu hoch zu hängen“ - wie den Bundestagsabgeordneten Peter Hintze, Hildegard Müller und Julia Klöckner. Immerhin, Hintze (selbst evangelischer Theologe) war einst Generalsekretär, Frau Müller ist Staatsministerin im Kanzleramt und steht Frau Merkel nahe; Frau Klöckner hatte auf dem Parteitag mit großer Verve gegen die Vorlage Frau Schavans (“Wanderdüne“) gekämpft.

          Annette Schavan selbst, die dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken angehört, ist sich offensichtlich der Tragweite der Angriffe aus der Kirche bewusst und macht kein Hehl aus ihrer zwiespältigen Situation. „Ich beanspruche für diese Position nicht, dass es eine katholische ist,“ sagte sie der Zeitung „Die Welt“.

          „Ich stehe mitten in meiner Kirche und weiß, dass sie eine konsistente Position zu dieser und anderen Fragen des Lebensschutzes hat. Ich bin als katholische Christin jetzt auch in dem Dilemma, dieser Erwartung meiner Kirche nicht gerecht werden zu können.“ Von ihrer Grundsatzposition, dass nicht „dauerhaft“ Stammzellen importiert werden dürften, sei sie „keinen Zentimeter“ abgerückt.

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