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Stalin-Biographie : Einsam wie eine gehörnte Eule

Die Verehrer des Tyrannen sind noch nicht ausgestorben Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Liebesbriefe, Todesurteile und Limonen aus dem Kaukasus: Eine Stalin-Biografie rekonstruiert das Privatleben des monströsen Diktators. Das großartige Buch zeichnet den Diktator erstmals als Teufel und Menschen zugleich.

          4 Min.

          Berlin. Stalin weint. Unaufhörlich fließen seine Tränen. "Ich konnte dich nicht retten", murmelt er. Als man den Sarg schließen will, beugt er sich noch einmal über seine tote Ehefrau und beginnt, leidenschaftlich ihr Gesicht zu küssen. Es ist der 10. November 1932. Zwei Tage zuvor hatte sich Nadja Allilujewa ins Herz geschossen, nachdem Stalin sie bei einem fröhlichen Fest im Kreml ignoriert und mit anderen Frauen geflirtet hatte.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Konnte man mit Stalin glücklich sein? "Ich vermisse Dich schrecklich, Tatotschka, bin so einsam wie eine gehörnte Eule", hatte er aus dem Urlaub an sie geschrieben. Der Mann, der Millionen erschießen, verhungern, in Lager deportieren ließ, versuchte, ein guter Ehemann zu sein. "Sie hat mich verlassen wie einen Feind", sagte Stalin. Daß seine Frau ihn nicht mehr ertragen konnte, hat er - so schreibt sein jüngster Biograph Simon Sebag Montefiore - nie verkraftet.

          Vater, Ehemann, Liebhaber und Tyrann

          Aus dem Süden pflegte Stalin, ein begeisterter Gärtner, seiner Frau Limonen zu schicken. Monate verbrachte er auf seinen Datschen in Sotschi, im Nordkaukasus und in Abchasien an der Schwarzmeerküste. Dorthin lud er die Mitglieder des Politbüros ein, um mit ihnen zu wandern und zu jagen, zu grillen und zu trinken. Geheimdienstkuriere übermittelten die Briefe der im Kreml verbliebenen Mitstreiter, die Liebespost und auch die unter Folter erzwungenen Geständnisse der Parteiveteranen, die Stalin in monströsen Schauprozessen aburteilen ließ. Die Schlußplädoyers des Staatsanwalts diktierte der Diktator persönlich. Die Datschen Stalins in Abchasien hat Sebag Montefiore selbst besucht - für sie hatte sich bisher nur in den siebziger Jahren ein arabischer Gentleman interessiert: Saddam Hussein.

          Josif Dschugaschwili, der sich als Bolschewik den Kampfnamen Stalin, der Stählerne, gab, war der persönlich grausamste Tyrann des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber er war auch Vater, Ehemann, Liebhaber und Gastgeber. Der ehemalige Chorknabe war ein angenehmer Unterhalter, sang Arien aus "Rigoletto" und geistliche Choräle, liebte klassische Literatur. Er verstand es, seine Gesprächspartner zu umgarnen und für sich einzunehmen - eine Gabe, die auch spätere Kreml-Herrscher mit ihm teilten. Stalin verwöhnte seine Tochter Swetlana, spielte mit den Kindern von Freunden und hatte ein gutes Verhältnis zu seinem Adoptivsohn Artjom. Seine Macht beruhte zu Beginn seiner Herrschaft Anfang der dreißiger Jahre noch mehr auf Charme als auf Schrecken, schreibt Sebag Montefiore.

          Kraftprotze, schwere Trinker, ausgekochte Männern mit Hang zum Größenwahn

          Zumindest stritten die führenden Bolschewiki damals noch mit Stalin. In einer Art Dorfgemeinschaft, einem roten Internat, herrschte er im Kreml mit seinen Magnaten, "Kraftprotzen, schweren Trinkern, ausgekochten Männern mit Hang zum Größenwahn", die gern die Mauser im Halfter trugen und durch ein Netz von Freundschaften und Haß miteinander verbunden waren. Das Leben des Hofes richtete sich ganz nach dem roten Zaren. Der stand gegen elf Uhr auf, gegen vier Uhr nahm man zusammen das Mittagessen ein, und erst wenn Stalin frühmorgens zu Bett ging, durften auch die Höflinge ihr Licht löschen.

          Das Herrschaftsprinzip hieß Freundschaft, und ihre Treue mußten die Magnaten immer wieder unter Beweis stellen. Stalin ließ sie zu Terroraktionen auf das Land fahren, Volksfeinde erschießen und den Krieg gegen die Bauern führen, denen man das Getreide wegnahm - 1932/33 verhungerten in der Ukraine fünf Millionen Menschen.

          Der engste Kreis mußte sich demütigen lassen

          Stalin stellte die Kreml-Bewohner auf die Probe, wiegte sie in Sicherheit, ließ sie fallen, begnadigte sie. Zum engsten Kreis gehörten später nur die Höflinge, die sich bei Saufgelagen demütigen ließen und mit Stalin nachts Filme im Kreml-Kino anschauten, wobei Stalin eine Vorliebe für Spencer Tracy und Clark Gable zeigte.

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