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Staatsakt für Genscher : „Eine außergewöhnliche politische Begabung“

  • Aktualisiert am

Bundespräsident Gauck spricht beim Staatsakt zu Ehren von Hans-Dietrich Genscher. Bild: dpa

Mit einem Staatsakt ist dem verstorbenen ehemaligen Außenminister gedacht worden. Für Bundespräsident Gauck war er ein „deutscher Patriot“, während er den früheren amerikanischen Außenminister Baker an einen „texanischen Stiefel“ erinnerte.

          Bundespräsident Joachim Gauck hat den früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) als „deutschen Patrioten und überzeugten Europäer“ gewürdigt. In dem Staatsakt am Sonntag in Bonn erinnerten politische Mitstreiter und Weggefährten an die Verdienste und das Verhandlungsgeschick des Politikers. Unter den Gästen waren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Außenminister Frank-Walter Steinmeier und der ehemalige Kanzler Gerhard Schröder (beide SPD). Genscher war am 31. März im Alter von 89 Jahren in Bonn gestorben.

          Genscher sei die Geschichte einer „außergewöhnlichen politischen Begabung“ sowie von Disziplin und Tatkraft, sagte Gauck im ehemaligen Plenarsaal des Bundestages. Der aus Halle stammende Politiker habe unermüdlich ein nationales Interesse vertreten, „das gleichzeitig die Deutsche Einheit wie den Frieden in ganz Europa umfasst“, sagte Gauck weiter. Der aus Rostock stammende Bundespräsident erinnerte daran, wie Genscher im Jahr 1989 vom Balkon der Prager Botschaft den ostdeutschen Flüchtlingen bekanntgab, dass sie nach Westdeutschland ausreisen durften. „Traurig, mit tiefem Respekt und in großer Dankbarkeit nehmen wir Abschied von Hans-Dietrich Genscher“, sagte Gauck sichtlich bewegt.

          Klaus Kinkel erinnerte an das Wirken Genschers während der Wiedervereinigung. Bilderstrecke

          Der frühere amerikanische Außenminister James Baker nannte Genscher einen besonderen Freund und einen „heroischen Staatsmann“. Seine tiefgründige Weisheit und standhaftes Handeln hätten Deutschland und Europa geprägt. Damit habe der Politiker dazu beigetragen, „die Welt für uns alle zu einem sicheren und besseren Ort zu machen“. Bei den Verhandlungen mit der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten sei Genscher „ein unermüdlicher Verhandlungsführer“ gewesen, der stets das für Deutschland besteVerhandlungsergebnis erzielt habe. „Er konnte zäh wie das Leder eines texanischen Cowboystiefels sein“, sagte Baker anerkennend.

          Der frühere Außenminister Klaus Kinkel (FDP) nannte seinen Amtsvorgänger einen „Meister des Dialogs“, der niemals aufgegeben habe. Seine Lebensmaxime „Kooperation statt Konfrontation“ habe sich besonders bei den Verhandlungen für die Wiedervereinigung bewährt.

          Der Wittenberger evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer erklärte, für Genscher seien „Frieden und Menschenrechte, Einheit und Freiheit keine Floskel“ gewesen. „Er war uns im Herbst 89 einzigartiger Mutmacher, als alles noch offen war“, sagte der Theologe. Genscher sei „eine einzige vertrauensbildende Maßnahme“ gewesen. Schorlemmer hob besonders Genschers Engagement für den Aufbau seiner ostdeutschen Heimat hervor. Genscher, der wohl „fröhlichste Hallenser aller Zeiten“ habe mit seiner guten Laune überall Aufbruchstimmung verbreitet. Sein Motto sei gewesen, in kleinen Schritten zuversichtlich auf ein Ziel zuzugehen und nie aufzugeben.

          Unter den Gästen waren neben Merkel, Außenminister Steinmeier und Altkanzler Schröder auch Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, Bundestagspräsident Norbert Lammert, der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm (alle drei CDU) und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Weitere Teilnehmer waren der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz, der Präsident Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Irmgard Schwaetzer.

          Die Ehrung durch einen Staatsakt wird nur wenigen Spitzenpolitikern zuteil, zuletzt im November vergangenen Jahres dem früheren Kanzler Helmut Schmidt (1918-2015). Genscher war von 1974 bis 1992 Bundesaußenminister und Vizekanzler. In seine 18 Jahre lange Amtszeit fielen der Fall der Mauer, die Zwei-plus-Vier-Gespräche, der deutsch-polnische Grenzvertrag sowie der deutsch-sowjetische Kooperationsvertrag. Der in Reideburg bei Halle an der Saale geborene Genscher gilt als einer der Architekten der deutschen Einheit.

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