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Zu Heinrich August Winkler : Der Westen - ein frommer Wunsch

Professor Heinrich August Winkler lehrte Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Soeben von ihm erschienen: Zerreißproben. Deutschland, Europa und der Westen. Interventionen 1990-2015, C. H. Beck, München. Bild: dpa

Was Deutschland beizutragen hat: Föderalismus, stadtrepublikanische Freiheit, das Recht als Werteordnung

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          Bundespräsident Richard von Weizsäcker ordnete in seiner Rede am 3. Oktober 1990 die Wiedervereinigung Deutschlands in den Zusammenhang der Weltgeschichte ein. „Die Gedanken der Französischen Revolution haben zusammen mit der Verfassungsentwicklung in Amerika und in Großbritannien die Grundlage der westlichen Demokratie geschaffen. Ein Konzept rechtsstaatlicher humaner Freiheit hat sich gebildet, das immer mehr zum Maßstab wurde.“ Von deutschen Beiträgen zur Grundlegung der westlichen Demokratie sprach der Präsident der Deutschen nicht. Die kommunale Selbstverwaltung als Ausformung einer schon im Mittelalter erkämpften stadtrepublikanischen Freiheit war an diesem Tag nicht der Rede wert. Das Lob der britischen Verfassungsentwicklung galt dem Parlament in Westminster, das bis heute die Gestalt einer Ständeversammlung hat, mit einem Haus des Adels und einem Haus der Gemeinen. Kein Wort des Gedenkens verlor der Präsident mit adligem Namen über die ständischen Wurzeln des deutschen Parlamentarismus oder über den vom Alten Reich inspirierten Föderalismus als Gegenmodell zum französischen und britischen Unitarismus, das keineswegs evidentermaßen weniger „westlich“ ist.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Zu viel Selbstverleugnung wäre es gewesen, über die deutsche Idee des Rechtsstaats zu schweigen. Aber Weizsäcker behandelte sie getrennt von der westlichen Demokratie und deren Konzept rechtsstaatlicher Freiheit, obwohl etwa die vom Bundesverfassungsgericht entwickelte Lehre vom Recht als Wertordnung, von der sich der demokratische Gesetzgeber leiten lassen müsse, mit dem britischen Begriff der parlamentarischen Souveränität unvereinbar ist. Noch nicht einmal die Schweizer Eidgenossen, die sich zu einem Zeitpunkt aus dem Reich lösten, als sie sich noch keinem westeuropäischen Verständnis von Volksherrschaft zuwenden konnten, waren Weizsäcker einer ehrenvollen Erwähnung wert.

          Politisch ergab das Absehen von allem eigenen Sinn: Es sollte mit der Wiedergewinnung der staatlichen Einheit kein neues Zeitalter deutscher Alleingänge beginnen. So bescheiden sich die Deutschen gaben, so großartig stellten sich die Aussichten des Mächte- und Gedankenverbunds dar, zu dem sie sich nun bekannten. Die Schweiz konnte unter den Tisch fallen, weil sie seit jeher für sich bleiben will. Der Welt der westlichen Demokratie schrieb Weizsäcker eine Tendenz zur Ausdehnung über jede Grenze eines geographisch definierten Westens hinaus zu. „Wo immer sich der Drang nach politischer Freiheit, nach Leistungsfähigkeit und menschenwürdiger Sozialstaatlichkeit Bahn bricht, bilden Werte und Regeln westlicher Demokratien das Modell, an dem sich jeder misst.“

          Im Vierteljahrhundert nach der Wiederherstellung des deutschen Nationalstaats hat sich das deutsche Geschichtsbild nicht wieder für die 1990 ausgeblendeten Regionen der eigenen Vergangenheit geöffnet. Maßgeblichen Anteil daran hat der Historiker Heinrich August Winkler, der 1991 auf einen Lehrstuhl der Berliner Humboldt-Universität berufen wurde. Auch weit jenseits seines sozialdemokratischen Herkunftsmilieus wird Winkler in der Hauptstadt als Festredner und Ratgeber geschätzt. Seine Karriere als Staatshistoriker erreichte ihren Höhepunkt, als er vor dem Bundestag die Rede zum siebzigsten Jahrestag des Kriegsendes hielt. In zwei mehrbändigen Gesamtdarstellungen, einer deutschen Geschichte unter dem zum geflügelten Wort avancierten Titel „Der lange Weg nach Westen“ und einer „Geschichte des Westens“, lieferte Winkler der Bundesrepublik ihren Wiedergründungsmythos. Demnach beruht die Demokratie in Deutschland auf der reumütigen Übernahme von Ideen, die den Deutschen vielleicht nicht ursprünglich fremd waren, von ihnen aber sehr lange abgelehnt und bekämpft wurden. Das Licht kam aus dem Westen.

          Winklers Doppelgeschichte des Westens und der spät bekehrten Deutschen ist eine idealistische, in hohem Maße wunschgeleitete Konstruktion, die sich von den Ergebnissen der historischen Forschung fast komplett abgekoppelt hat. Den Idealismus seines Ansatzes bestreitet Winkler nicht. Im Gegenteil: Für ihn macht der Idealismus das Wesen des Westens aus. Winklers Westen hat eine fixe Idee, verfolgt ein „normatives Projekt“, dessen Kern die unveräußerlichen Menschenrechte sein sollen, wie sie in der Amerikanischen und Französischen Revolution formuliert wurden. Eine unter diesem Leitgedanken geschriebene Geschichte bekommt romanhafte Züge, weil sie darüber hinwegsehen muss, dass sich die Westmächte auch im Zeitalter des Siegeszugs der Demokratie lange keineswegs auf die Menschenrechte verpflichteten.

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