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Zeitschrift „myops“ : Eine Fliege, die sticht

Diese Zeitschrift bringt mehr „Titanic” in die Jurisprudenz Bild: C.H. Beck

Sie ist harmlos mit „Berichte aus der Welt des Rechts“ überschrieben und erscheint zudem im Verlag C.H. Beck. Doch in der Zeitschrift „myops“ wird mit titanic-hafter Frische über das geschrieben, worüber die anderen schweigen.

          „Das Geschrei war groß. Neger, Schwule, Frauen, Einarmige und andere Ungleiche würden in unsere Wohnungen, Arbeitsstätten, Turnhallen drängen. Und wir müssten sie alle reinlassen. Das war jetzt schließlich Gesetz geworden.“ So beginnt die Rezension des Kommentars des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes von Adomeit/Mohr durch Rainer Maria Kiesow. Erschienen ist die Besprechung in der jüngsten Ausgabe von „myops“, einer kleinen Zeitschrift, die erst im vergangenen September das Licht der Welt erblickte. Sie ist harmlos mit „Berichte aus der Welt des Rechts“ überschrieben und erscheint zudem im Verlag C.H. Beck, dabei ist sie wirklich neu.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Myops (biologisch: Stechfliege, Bremse; metaphorisch: Selbstbezeichnung des Sokrates während seiner Apologie) bringt titanic-hafte Frische in den nicht besonders spannenden juristischen Zeitschriftenmarkt. Nicht nur weil in der neuesten Ausgabe zwei Gedichte des Chefredakteurs des Satiremagazins, Thomas Gsella, nachgedruckt werden. Es ist der Stil, und es sind die Themen, die den Unterschied ausmachen.

          Ganz und gar nicht handelsüblich

          Die handelsüblichen Buchbesprechungen, etwa gerade in der Neuen Juristischen Wochenschrift 2008, 493 zu einem Arbeitsrechtskommentar klingen so: „Das Fazit fällt - wie immer - leicht: Der ,Erfurter' ist für jeden Arbeitsrechtler ein unverzichtbares Hilfsmittel und aus der Praxis nicht mehr wegzudenken. Weder der Fachanwalt noch der gelegentlich im Arbeitsrecht tätige Praktiker kann auf die Anschaffung dieses Werks verzichten. Der ,Erfurter' ist das absolute Top-Hilfsmittel für die tägliche Arbeit.“

          In der Regel werden solche absoluten Top-Hilfsmittel, deren Anschaffung zudem vorbehaltlos empfohlen werden kann, mehr beworben denn besprochen. Und wenn es sich tatsächlich um eine Rezension handelt, dann beginnt sie so: „Gegen die beiläufige oder argumentativ abgestützte Negation des Gemeinwohls als einer zentralen Kategorie von Verfassungstheorie und Verfassungsrecht unternimmt der Verfasser mit seiner ebenso umfang- wie gedankenreichen Habilitationsschrift den Versuch einer theoretisch-dogmatischen Neubegründung“ (Juristenzeitung 2008, 191).

          Die Stechfliege bringt Unruhe in die Gefälligkeitswissenschaft

          Weniger umfang-, dafür aber gedankenreicher ist „myops“. Die Stechfliege bringt Unruhe in die Gefälligkeitswissenschaft - und sie sticht. So schreibt Dieter Simon über die Zusammenfassung, die einem Aufsatz von Heinrich Wilms in der von diesem herausgegebenen Zeitschrift für Rechtsphilosophie vorangestellt ist (etwa: „Ist die Orientierung der Strafe der Täter, das Opfer oder die Gesellschaft“): „Fünf Sätze, von denen keiner richtig ist.“ Sein Fazit: „Wollen wir wirklich weiterhin solcher Barbarei achselzuckend zusehen und darauf verzichten, sie als ,Sprachterrorismus' zu brandmarken und der Beobachtung durch den Innenminister zu empfehlen?“

          Der Text von Kiesow über den Kommentar zum Gleichbehandlungsgesetz zitiert den Autor mit den Worten: „Es nähert sich der Zeitpunkt, zu dem die hypothetische Zahl der Ungeborenen, die sich bei nicht-emanzipativer Entwicklung statistisch berechnet geboren worden wären, die Gesamtzahl der Deutschland betreffenden Opfer beider Weltkriege übersteigt.“ Kiesow folgert: „Sollte das Geschrei wieder losgehen, sollten die Gerichte doch noch absaufen im Gleichbehandlungsrechtsrausch - Unternehmer aller deutschen Länder, wir fordern Euch auf: Geht mit Adomeits Einleitung in seinem KommAGG vor die Schranken des Gerichts und schleudert dort den ahnungslosen Richtern die Mordszahlen in Verbindung mit dem Gesinnungszivilrecht ins Gesicht!“

          Diese Form muss man nicht mögen. Sie kann auch ermüden (Udo Di Fabio als „Ursula von der Leyen der Verfassungsinterpretation“ und Otto Depenheuer, der „süß“ von seinem eigenen „Opferdenkmal“ träumt). Aber in „myops“ wird über das geschrieben, worüber die anderen schweigen: Etwa über ungesühnte Plagiate, unkontrollierte Justizprüfungsämter, unerträgliche Vorlesungen oder ebensolche Stellenanzeigen. Die Autoren des dreimal im Jahr erscheinenden Bändchens, die oft mit den Herausgebern identisch sind, dürften jedenfalls in der wissenschaftlichen Gemeinde unter verschärfter Beobachtung stehen. So schreibt leider nur, wer mutig ist oder nichts mehr zu verlieren hat.

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