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Strafvollzug : Papa auf Montage

Bild: ZB

In der Justizvollzugsanstalt Bützow können Strafgefangene jetzt auch das Vatersein üben.

          3 Min.

          BÜTZOW, im Mai. Die Justizvollzugsanstalt in Bützow gehört zu den ältesten in Deutschland. 1839 wurde sie als Zuchthaus Dreibergen eröffnet. Beim Umbau Anfang des 20. Jahrhunderts entstand in der Anstalt auch eine Kirche. Das Gestühl wurde nach 1945 verheizt, der Raum zu einer Sporthalle. Vor ein paar Tagen haben drei Sprayer unentgeltlich die Wände mit lustigen Motiven bemalt. Am 20. Mai gab es in dem Raum erstmals in der deutschen Strafvollzugsgeschichte ein Familienwochenende: Strafgefangene konnten mit ihren Frauen und Freundinnen, vor allem aber mit ihren Kindern für ein paar Stunden zusammenkommen - unter freundlicheren Bedingungen als bei den sonst üblichen Besuchen.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So etwas soll es künftig regelmäßig geben. Es ist Teil eines zunächst auf zwei Jahre angelegten Pilotprojektes: Die Strafgefangenen sollen sich stärker als Familienväter verstehen. 97 Prozent der in Mecklenburg-Vorpommern Inhaftierten sind Männer. Mehr als die Hälfte von ihnen hat Kinder. Die meisten leben in einer Beziehung. Die Inhaftierung trifft damit oft auch Frauen und Kinder. Die Frauen sind auf einmal auf sich gestellt, die Kinder ohne Väter - und erfahren oft nicht einmal, wo der Vater tatsächlich ist. „Papa ist auf Montage“ - seit den sechziger Jahren ist das eine gängige Formulierung, um die Dinge nicht beim Namen nennen zu müssen.

          Die Haft entfremdet Vater und Kind, oft genug aber auch die Partner untereinander. Zwar sind regelmäßige Besuche möglich, aber oft haben die Frauen nicht die Kraft und nicht das Geld, nach Bützow zu fahren. Und wenn die Frauen ihre Männer in der Haft besuchen, bringen sie die Kinder lieber nicht mit. Zu groß ist nicht nur die Lüge, wenn die Kinder nicht wissen, wo der Vater ist. Zu anstrengend ist auch die Prozedur, in das Gefängnis hineinzukommen, und sei es nur bis zum Besucherraum. Immerhin gibt es in Bützow jetzt schon mal dort eine Spielecke.

          Die Mitarbeiter der JVA sehen natürlich das Problem. Aber Agnete Mauruschat, seit zehn Jahren Leiterin der Anstalt in Bützow, sagt auch: „Die Stärkung der Rolle des Vaters ist nicht originär Aufgabe des Strafvollzugs.“ Den Kontakt zu seiner Familie muss der Strafgefangene selbst halten. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass viele Gefangene damit ihre Mühe haben. Was ihnen Frau und Kinder bedeuten, werde ihnen oft erst in der Haft richtig bewusst, sagt Frau Mauruschat. Und dann entwickelten sie oft „völlig falsche und realitätsfremde Vorstellungen, welche die Familie als Ganzes während der Haftzeit sowie nach der Haftentlassung zusätzlich belasten“. Frau Mauruschat, ihre Kollegen und viele ehrenamtliche Helfer haben sich dennoch des Themas mit dem Projekt „Papa ist auf Montage“ angenommen. Zwei Jahre lang dauerte die Vorbereitungszeit. An diesem Donnerstag geht es offiziell los. Aber schon seit April wird daran gearbeitet. Sogar ein „Projektkind“ hat sich schon eingestellt, geboren am 20. April. Dessen Vater sitzt in Bützow und will nun unbedingt die Anerkennung seiner Vaterschaft.

          Geldgeber zu finden sei sehr schwierig gewesen, berichtet die Projektleiterin Barbara Hansen. Am Ende fanden sich fünf Stiftungen (Jacobs Foundation, Kroschke Stiftung für Kinder, Preuschhof Stiftung für Kinder, Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und die Achterkerke Stiftung) bereit, gemeinsam 92 000 Euro aufzubringen. Schirmherr ist der Werler Gefängnisarzt Joe Bausch, bekannt geworden durch sein Buch „Knast“. „Papa ist auf Montage“ wendet sich sowohl an die Väter als auch an die Mütter. Partner der Justizvollzugsanstalt sind die Evangelische Jugend Schwerin und die Berufliche Schule Schwerin. Die Väter bekommen von Sozialpädagogen ein „Vätertraining“, acht Stunden im Monat. Erstmals wird im deutsche Vollzug dabei „Triple P“ angewendet: „Positive Parenting Program“, ein präventiv ausgerichtetes, inzwischen weithin anerkanntes Programm, um liebevolle Beziehungen zwischen Eltern und Kindern zu fördern. Außerdem geben Schüler der Beruflichen Schule Schwerin Seminare für die Gefangenen zu Themen, wie Spielen mit Kindern, gesunde Ernährung für Kinder oder Stressbewältigung beim Einkauf mit Kindern. Auch die Mütter treffen sich. Außerdem werden jene Mütter, die es wollen, besucht, um herauszufinden, wo die Probleme liegen - seien es Behördengänge, seien es Geldprobleme. So soll auch den Frauen geholfen werden.

          Zehn Gefangene, die demnächst ihre Haft verbüßt haben, wurden für das Projekt ausgewählt, weitere kommen demnächst hinzu. Wer wollte, konnte sich am Auswahlverfahren beteiligen. Wichtigste Bedingung: Auch die Frauen zu Hause machen mit. Der Vorteil für beide Seiten: Sie können sich häufiger sehen, die Kinder sind dabei. Fahrkosten zu den Familientagen werden vom Projekt getragen. „Oft sind es die Kinder der Strafgefangenen, die dann selbst auf die schiefe Bahn geraten. Wir machen hier den Versuch, den Teufelskreis zu durchbrechen“, sagt Frau Mauruschat. Nach sechs Monaten könnte es ein Familienwochenende auch außerhalb der Justizvollzugsanstalt geben. Die Frauen sollen das dann selbst organisieren. So etwas hat es im Strafvollzug der Bundesrepublik noch nicht gegeben.

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