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Einspruch Exklusiv : Jura-Bachelor? Mehr Denkverkehr wagen!

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Bereits Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben die Schaffung eines Jura-Bachelors in die jeweiligen Koalitionsvereinbarungen aufgenommen Bild: dpa

Die Debatte um den integrierten Jura-Bachelor ist lediglich ein Indikator für die unfruchtbare Art, in der Diskussionen um die juristische Ausbildung im Allgemeinen geführt werden. Dabei benötigten wir dringend mehr Denkverkehr und weniger Austausch von Polemiken. Ein Plädoyer für ehrliche Argumentation statt markiger Rhetorik – mit ein paar Anmerkungen zum Streitgespräch von Tiziana Chiusi und Katharina Boele-Woelki im F.A.Z. Einspruch Podcast.

          9 Min.

          Je schwächer das Argument, desto stärker die Worte. Wenn Ludwig Wittgenstein richtig liegt, sind Texte über „Loser-Abschlüsse“ und „Jodel-Diplome“ diskursive Krisensymptome. Man mag sie arrogant, ärger- oder wunderlich finden. Ist man aber mit dem Stil der Kontroversen um die Staatsexamina einigermaßen vertraut, denkt man: Business as usual. Was bringt das? Nun, im besten Fall tritt es ein wenig Empörung los, ohne dabei irgendein Problem anzugehen oder zu lösen. Was wäre sinnvoller? Ergebnisoffen die Gründe für die eigene Position zur Debatte zu stellen, also mit der Einstellung aufzutreten, der Andere könnte im Prinzip Recht behalten.

          In diesem Sinne wollen wir einmal versuchen, einige der Behauptungen, die infolge des von Tiziana Chiusi ausgelösten Disputs umherschwirren, als Sachargumente ernst zu nehmen und zu ergründen, was von der ganzen Bachelor-Diskussion übrigbleibt, wenn man sie durchdenkt – wir fürchten, leider nicht viel. Tatsächlich ist man mit einem Streit konfrontiert, der sich rhetorisch im Kreis dreht und dabei die heiklen Problemcluster umgeht. Die LL.B.’s sind ohnehin schon da und werden sich weiter ausbreiten. Entscheidend ist vielmehr, ob wir den Mut aufbringen, wirklich radikale, also zur Wurzel vordringende Fragen zu debattieren.

          Aber zunächst: Warum gehört der integrierte Bachelor mittlerweile überhaupt zu den besonders heißen Eisen, wenn es um Reformansätze für die juristische Ausbildung geht? Das mag zum einen an der aktuellen politischen Stimmungslage liegen, wurde doch zuletzt in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen die Schaffung eines solchen Abschlusses in die jeweiligen Koalitionsvereinbarungen aufgenommen. Zum anderen, und dies dürfte für das Vorangegangene maßgeblich sein, ist der integrierte Bachelor noch am ehesten ein gemeinsamer Nenner in der vielschichtigen Debatte um die juristische Ausbildung.

          Mindestens undifferenziert, vermutlich paradox

          Dass diese Idee vergleichsweise breite Zustimmung findet, ist darauf zurückzuführen, dass sie am bestehenden System mit zwei Staatsexamina nichts ändert, sondern diesem nur eine Komponente hinzufügt. Selbst diejenigen, die gerne alles so lassen möchten, wie es gerade ist, verlieren hier also nichts. Der sprachliche Furor der aktuellen Debatte verschleiert, dass es sich eigentlich um ein allseitiges Wohlfühl-Thema handelt – ein erster wichtiger Punkt, den Chiusi verkennt, wenn sie mit der Einführung eines integrierten Bachelors die schleichende Erosion des Staatsexamens heraufbeschwört. Für Berufe im Staatsdienst gibt sie das auch selbst zu. Und was die rechtsberatende Branche angeht, so ist zu bedenken, dass es bereits jetzt viele wirtschaftsjuristische Studiengänge gibt, deren Absolventen etwa in Rechtsabteilungen von Unternehmen arbeiten. Es scheint nichts dagegen zu sprechen, diese Möglichkeit auch Menschen zu eröffnen, die sich für das klassisch juristische Studium entschieden haben, wenn sie dabei eine entsprechende Qualifikation erworben haben.

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