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Schuldenwirtschaft : Es geht auch ohne

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Bild: Greser & Lenz

Schon vor 250 Jahren galt: Der Bankrott ist die Folge staatlicher Schuldenwirtschaft. Es hilft nur Haushaltsdisziplin. Das zeigt Kursachsen.

          Am 5. Oktober 1763, also vor ziemlich genau 250 Jahren, starb in Dresden der sächsische Kurfürst Friedrich-August II., der zugleich als August III. König von Polen gewesen war. Sein Tod veranlasste seinen langjährigen Premierminister Heinrich Graf Brühl (1700-1763), der bereits August dem Starken, dem Vater des nun verstorbenen Kurfürsten, in leitender Stellung gedient hatte, zum Rücktritt. Lange konnte Brühl seinen „Ruhestand“ allerdings nicht genießen; am 28. Oktober 1763 starb auch er. Das bewahrte ihn davor, seine Amtsführung vor Gericht verteidigen zu müssen, galt er doch seinen Nachfolgern in Dresden geradezu als Verderber des Kurfürstentums. Ein entsprechender Prozess verlief zwar im Sande; gleichwohl kam es noch 1763 zum radikalen Bruch mit der Brühlschen Politik. Sachsen führte als erster deutscher Staat eine geordnete Finanzpolitik ein. Das Land war damit so erfolgreich, dass das kursächsische Rétablissement zu den wenigen Fällen von Haushaltssanierungen zählt, bei denen die Gläubiger nicht enteignet wurden. Allein das genügt, sich dieses Falls zu erinnern.

          Ob Brühl nun korrupt war oder nicht: Bei seinem Rücktritt war der sächsische Staat finanziell ruiniert, und das keineswegs nur wegen des verlorenen Siebenjährigen Krieges (1756-1763). Die Ursachen der finanziellen Misere reichten sehr viel weiter zurück. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts hatte der Aufwand für Hofhaltung, Militär und machtpolitische Ambitionen (polnischer Thron) die Finanzen des wirtschaftlich durchaus leistungsfähigen Kurfürstentums überstrapaziert. Das laufende Schuldenmachen war damals (wie heute) nichts Außergewöhnliches. Brühl, der rasch in der Gunst August des Starken aufstieg, erwies sich hierin als überaus begabt. Er nahm laufend neue Schulden auf und ging Zins- und Tilgungsversprechen ein, ohne diese ernsthaft einzuhalten. Alte Schulden wurden gar nicht oder wenn, dann mit neuen Schulden bedient; im Laufe der Jahre ging schließlich in der ohnehin unübersichtlichen Organisation der Staatsfinanzen der Überblick verloren; eine hektische Schuldenwirtschaft nach Kassenlage setzte ein. Ende der 1740er Jahre stand Sachsen vor dem Bankrott, der nur dadurch abgewendet werden konnte, dass die unter dem Druck des Hofes und Brühls stehenden Stände weitere Kredite garantierten.

          Sachsen rutschte so sehenden Auges in eine finanzielle Katastrophe, die mit dem Siebenjährigen Krieg dann auch eintrat. Bei Kriegsende 1763 betrug allein die Steuerschuld (also die von den Ständen garantierten Schulden) knapp 30 Millionen Reichstaler, eine Summe, die sich seit den 1830er Jahren verneunfacht hatte. Nimmt man die Schulden der Rentkammer und der Kriegskasse hinzu, beliefen sich die sächsischen Schulden zu dieser Zeit auf etwa 45 Millionen Taler, von den zu erwartenden Kontributionszahlungen an Preußen noch ganz abgesehen. Allein die Zinslast für diese Summe hätte die gesamten Steuereinnahmen in Höhe von gut 2 Millionen Talern verschlungen.

          Es war selbst dem vor den Preußen nach Warschau ausgewichenen Dresdner Hof klar, dass die bisherige Misswirtschaft so nicht weitergehen konnte. Nicht zuletzt auf Druck des Leipziger Bürgertums wurde 1762 eine Restaurierungskommission eingesetzt. Diese Restaurierungskommission, die vor allem das Werk des früheren sächsischen Rates Thomas von Fritsch, eines Leipziger Buchhändlersohns, der 1741 wegen Brühls Finanzpolitik den Dienst quittiert hatte, war, legte ihren Schlussbericht im November 1763 vor. Durch den Tod von August III. und Heinrich Graf Brühl war nun auch politisch der Weg für eine grundlegende Sanierung frei, zumal der neue Kurfürsten Friedrich August III. keine Rückkehr in die Welt der früheren Pracht wünschte. Innerhalb eines Jahres kam es faktisch zum Austausch des gesamten höheren Personals in der Finanzverwaltung und seiner Ersetzung durch bürgerliche Experten, wobei Friedrich Ludwig Wurmb als Direktor der 1764 neu eingerichteten Landesökonomie-, Manufaktur- und Kommerziendeputation eine zentrale Rolle spielte. Thomas von Fritsch wurde Konferenzminister im Geheimen Konsilium und übernahm zugleich die Oberaufsicht über die sächsische Wirtschafts- und Finanzpolitik, für die sich rasch der Name „kursächsisches Rétablissement“ durchsetzte.

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