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Resozialisierung : Aus der Untat lernen

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Bild: Greser & Lenz

Resozialisierung kann nur gelingen, wenn der Verurteilte Unrecht und Schuld seiner Tat einsieht.

          6 Min.

          Die Welt ist eine einzige Jurisprudenz“. Dieser vielzitierte Ausruf von Thomas Bernhard könnte auch speziell auf das Strafrecht gemünzt sein. Es ist überall präsent, als Ausdruck höchster moralischer Empörung oder undurchsichtiger Opportunität, als bürokratische Instanz oder Kampfmittel in Krieg und Frieden, getragen von legitimatorischem Selbstbewusstsein oder nur von politischen Stimmungen.

          Gibt es wirklich keine festeren und verlässlicheren Orientierungen, einen Kernbestand gleichsam, auf den man verweisen kann, um die Spreu vom Weizen zu scheiden? Für alle Zeiten und überall sicher nicht. Dafür hat die epistemologische und politische Kritik an dem, was Natur- oder Vernunftrecht sein könnte, nichts übrig gelassen. Aber die Erfahrung lehrt, dass jede Epoche, so schwierig ihre zeitliche und örtliche Eingrenzung auch ist, Grundpositionen entfaltet, die einen gewissen Vorrang beanspruchen gegenüber allfälliger Instrumentalisierung des Strafrechts.

          Für das westliche Europa der Gegenwart gehört zu diesen Positionen vor allem die Zusammenführung von „Tatschuld“ und „Resozialisierung“. Dabei tauchen Probleme auf, die eine breitere Aufmerksamkeit verdienen.

          Unendlich ist die Komplexität der Delinquenz. Unendlich komplex müssten deshalb auch die staatlichen Reaktionen sein. Das aber ist Utopia. Reduzierung von Komplexität ist vielmehr die herrschende Parole. Die Schuld des Täters, also der persönliche Vorwurf seiner unrechten Tat, ist ein riesiges Mosaik; die Schuld des Täters im Kopf des Richters jedoch präjudiziert durch wenige Maximen und Lehrbuchweisheiten. Die Gründe für diese Auswahl bleiben dunkel, werden nicht reflektiert; gearbeitet wird nur mit geschichtlich gewachsenen, zum Teil lokalen Konventionen.

          Das entscheidende Motiv für den Abschied von diesen falschen Abstraktionen gewinnt man mit der Hypothese, dass nicht nur die Einzelheiten des Verbrechens bedeutungsvoll sind für die Zielsetzung und Ausgestaltung der strafenden Reaktion, sondern diese Reaktion ihrerseits eine Funktion übernimmt bei der Fixierung der Merkmale des Verbrechens. Ist das richtig, eröffnen sich ganz neue Perspektiven für die Beweisaufnahme. Das passiert nicht von ungefähr. Blicken wir zurück.

          Die Rechtsgesellschaften beginnen mit Erzählungen. Das Mannigfache bestimmt das Klima, abstrahierende Begriffe sind dieser frühen Welt fremd. Das geht so lange, bis Herrschaft und Prinzipien sich etablieren. In Mitteleuropa geschieht das unter dem Einfluss von Kirche und gelehrter Theologie in den ersten Jahrhunderten des zweiten Jahrtausends und erreicht in der Neuzeit seinen Höhepunkt mit den großen Systemen des Rechts und dieses Niveau anvisierenden Staaten. Dann entsteht - wohl auch nach dem Vorbild naturwissenschaftlich fundierter Technik - ein neuartiges Interesse an Exaktheit im Detail. Die Kriminologie bietet viele Differenzierungen - psychologisch, soziologisch, biologisch, ökonomisch - an und die Strafrechtswissenschaft raffinierte Verfeinerungen, etwa im Bereich von Handlung und Kausalität, Vorsatz und Fahrlässigkeit, Versuch, Beteiligung mehrerer und Unterlassungen.

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