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Bernhard Schlink : Der Vor-Versteher

Bild: AP

„Ohne Unterlass kann die Frage gestellt werden, was die Deutschen wussten und was sie nicht wussten.“ Der Schriftsteller und emeritierte Staatsrechtslehrer Bernhard Schlink übt Kritik an der um sich greifenden „Kultur des Denunziatorischen“.

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          Jedes Ministerium im „Dritten Reich“ war ein Instrument des Nationalsozialismus. Jedes Stadt- und Kirchenarchiv enthält Quellen der Judenverfolgung. „Was sonst?“ fragt Bernhard Schlink. „Ohne Unterlass kann die Frage gestellt werden, was die Deutschen wussten und was sie nicht wussten - was wussten sie, wenn sie nicht wissen wollten, was sie hätten wissen können?“ Der Schriftsteller und emeritierte Staatsrechtslehrer übt im „Merkur“ Kritik an der um sich greifenden „Kultur des Denunziatorischen“. Im Umgang mit der Geschichte sieht er „eine Bewertung auf der Höhe heutiger Moral“.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Laut Hans-Ulrich Wehler, der Bismarcks Vorbereitung des Krieges von 1870/1871 in Kontinuität zu Hitlers Weltkriegsplänen gestellt habe, solle die Geschichtswissenschaft „nach demjenigen Sinn fragen, den historische Aktionen unter theoretischen Gesichtspunkten von heute annehmen“. Diese Gesichtspunkte von heute, so Schlink, „sind die moralischen“. Zwar beteuerten etwa die Verfasser des Werks „Das Amt und die Vergangenheit“, sie hätten keine moralischen Urteile gefällt. Schlink hingegen meint: „Man kann die Arbeit nicht lesen, ohne den Eindruck zu gewinnen, die Verfasser seien über die deutschen Diplomaten moralisch empört und sie wollten mit ihrer Darstellung moralisch empören.“

          Man solle sich vielmehr in die damalige Zeit hineinversetzen, aber: „Je mehr wir über das Dritte Reich wissen, desto weniger wissen wir darüber, wie damals gelebt und erlebt und was gedacht und gefühlt wurde.“ Die Folge: Die Vergangenheitsbewältigung habe „den Graben zwischen Vergangenheit und Gegenwart eingeebnet; indem der Maßstab der Gegenwart an die Vergangenheit angelegt wurde, wurde der Entlarvungs- und Demontierungsimpuls, der sich zunächst auf die Vergangenheit richtete, auch auf die Gegenwart erstreckt.“ Mit dem Ende der Kriegsgeneration gehe freilich der rebellische, moralische Anspruch ins Leere. Anders steht es mit den DDR-Karrieren. Schlink erkennt den Impuls zur moralischen Diskreditierung auch in den Fällen Stolpe, Gysi, Tillich und Olbertz. Gewiss, wer in der DDR Karriere machte, der habe mitgespielt. „Aber wie? Aus welchen Gründen, um welchen Preis und mit welchem Ziel? Auf Kosten anderer oder auf eigene Kosten? Es geht um Biographien, die eine differenzierte und nuancierte Betrachtung und eine moralische Bewertung im Horizont ihrer Zeit verdienen.“ In dieser Kultur des Denunziatorischen sieht Schlink die heutigen Studenten aufwachsen. Schon in der Schule werde statt des Verständnisses des Verhaltens im Dritten Reich dessen moralische Bewertung „eingeübt“.

          Der 1944 geborene Schriftsteller, dessen Weltbestseller „Der Vorleser“ manche Kritiker als revisionistisch deuteten, fürchtet nun, dass die moralischen Skandalisierungen vor allem eins bewirken: dass künftige Generationen vom „Dritten Reich“ nichts mehr wissen wollen. Schlink schließt mit dem Beispiel eines deutschen Studenten, der in seinem Seminar moralisch strenge Urteile über frühere Juristen gefällt hatte. Und der dann am Holocaust-Mahnmal vor amerikanischen Studenten erzählt, dass sein Großvater in der SS gewesen sei - er hatte sich aber offenbar nie gefragt, wer sein Großvater eigentlich war.

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