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Nürburgring-Prozess : Ein seit Jahren ersehnter Augenblick

  • -Aktualisiert am

Im Sinne der Anklage: Die Koblenzer Richter hinter mehreren Prozessakten Bild: dapd

Im Nürburgring-Prozess bestreitet der Angeklagte Deubel seine Schuld. Der frühere rheinland-pfälzische Finanzminister nutzt den Gerichtssaal als Bühne für einen offensiven Verteidigungsauftritt.

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          Auch am dritten Tag seiner Aussage ist die Verteidigungslust des früheren rheinland-pfälzischen Finanzministers Ingolf Deubel ungebrochen. Als „frei erfunden“ weist Deubel die Behauptung der Staatsanwaltschaft Koblenz zurück, er habe am 3. Juli 2009 als Aufsichtsratsvorsitzender der Nürburgring GmbH die Überweisung eines Honorars von vier Millionen Euro an zwei Finanzvermittler der Firma Pinebeck veranlasst und damit das Vermögen des nahezu landeseigenen Unternehmens gefährdet. „Ich habe eine solche Anweisung ausdrücklich abgelehnt. Das ist durch Zeugenaussagen in den Vernehmungen der Staatsanwaltschaft ausdrücklich belegt“, sagt Deubel triumphierend in Richtung der beiden Staatsanwälte.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Am ersten Tag des Nürburgring-Prozesses vor einer Woche musste Ingolf Deubel noch schweigen und mit düsterer Miene die Verlesung der Anlageschrift ertragen. Doch schon am zweiten Prozesstag verändert sich der Gesichtsausdruck des 62 Jahre alten Angeklagten. Mit spöttischem Lächeln verfolgt Deubel im Saal 102 des Koblenzer Landgerichts die Aussage des Mitbeschuldigten Michael Nuss. Der wegen Beihilfe zur Untreue angeklagte 49 Jahre alte frühere Finanzcontroller der fast landeseigenen Nürburgring GmbH dient der drei Jahre lang ermittelnden Staatsanwaltschaft als eine Art Kronzeuge gegen Deubel.

          Über Stunden liest der schmale Mann mit der großen runden Brille seine 45 Seiten umfassende Aussage vor. Seine Stimme klingt brüchig, beim Vorlesen ringt er um Fassung. In seiner „Darstellung zum Sachverhalt“ belastet er vor allem Deubel als Haupttäter, dem die Anklage Untreue in neun Fällen vorwirft. Beim Nürburgring-Ausbau soll Deubel in seiner Eigenschaft als Aufsichtsratsvorsitzender, wie Nuss aus seiner Erinnerung schildert, als eine Art „Obergeschäftsführer“ gegen den Willen des Aufsichtsrats Zahlungen von rund 385.000 Euro an zwei Finanzvermittler der Firma Pinebeck veranlasst haben - zu Lasten des Unternehmens und damit des Steuerzahlers.

          Ein „ausgesprochen risikoarmes“ Geschäft

          Nach der Aussage von Nuss darf sich am Nachmittag des zweiten Verhandlungstages auch Deubel äußern. Es ist der Augenblick, auf den er seit seinem Rücktritt am 7. Juli 2009 gewartet hat. Der promovierte Volkswirt, Wirtschaftsmathematiker, Honorarprofessor und Träger des schwarzen Judo-Gürtels verwandelt den Gerichtssaal in eine Bühne für seinen sehr offensiven Verteidigungsauftritt. Deubel geht es um seine Ehre, aber auch um seinen Ruf als Finanzpolitiker. Mitgebracht hat er eine 224 Seiten starke Verteidigungsschrift, die er großflächig an die Saalwand projizieren lässt. Gegliedert ist die Schrift wie eine wissenschaftliche Arbeit, mit 300 Fußnoten und üppigem Anhang. Sie sei garantiert plagiatfrei, sagt Deubel. „Ob ich damit bei einer Promotion durchkommen könnte, weiß ich nicht.“ Es ist eine von vielen sarkastischen Bemerkungen an diesem Tag.

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