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Zeitgemäßes Sorgerecht : Nach der Trennung gibt es den „modernen Vater“ nicht mehr

Nicht mehr zeitgemäß: Die Gesetzgebung hängt der Lebenswirklichkeit vieler “moderner Männer“ hinterher, wenn es um Fragen der Kindererziehung geht. Bild: dpa

Wenn Paare sich scheiden lassen, gibt es in Fragen des Sorgerechts häufig eine klare Rollenverteilung - meistens zum Nachteil „moderner Väter“. Ein Blick nach Skandinavien könnte helfen.

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          Nach dreizehn Jahren war zwischen Markus Rinne und seiner Frau Ricarda alle Liebe verbraucht, übrig blieben nur noch Vorwürfe und der Streit um das Haus, den Hund und die Kinder. Das Haus ging an sie, der Hund an ihn, das Sorgerecht für die beiden Kinder – Leonie, acht Jahre alt, und Ferdinand, sechs Jahre alt – wollten sie sich teilen. So machen es die meisten getrennt lebenden oder geschiedenen Eltern in Deutschland. Vater Markus leitet die Personalabteilung in einem mittelständischen Unternehmen, trotzdem hat er sich immer bemüht, so früh wie möglich aus dem Büro zu kommen, um Zeit mit seinen Kindern verbringen zu können. Nach der Trennung blieben die Kinder bei seiner Frau wohnen, die als Arzthelferin ebenfalls Vollzeit arbeitet, Markus sollte sie aber jedes zweite Wochenende von Freitagnachmittag bis Montagmorgen bei sich in der Wohnung haben. Dazu brauchten die Eltern keinen Anwalt, sie vereinbarten es einfach so miteinander.

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten.

          Dann zog Leonies Flötenlehrerin in den Stadtteil des Vaters, und damit war die Einigkeit zu Ende. Weil der Flötenunterricht donnerstagnachmittags stattfindet, verbrachten Leonie und Ferdinand nun auch jeden Donnerstag beim Vater. Ein Drittel der Zeit betreut er nun seine Kinder – und muss doch weiterhin den vollen Unterhalt an seine Frau zahlen. Markus Rinne hat sich immer als „modernen Vater“ verstanden; er nahm nach der Geburt beider Kinder Elternzeit, hin und wieder arbeitete er, wenn ein Kind krank war, von zu Hause aus. Jetzt soll seine überdurchschnittliche Betreuung nicht mehr anerkannt werden – ideell und finanziell.

          Wechselmodell könnte die Lösung sein

          Die Politik, so kommt es Markus Rinne vor, unterstützt den „modernen Mann“ nur, wenn die Beziehung noch intakt ist. Geht die Beziehung in die Brüche, blieben die Rollenverhältnisse wie eh und je. Rinne findet das unfair. Das Gesetz nennt es nicht unfair, sondern Residenzmodell. Damit wird beschrieben, dass die Kinder nach einer Trennung bei einem Elternteil leben, in der Regel bei der Mutter, und bei dem anderen Elternteil, meistens dem Vater, die Wochenenden verbringen und teilweise Ferien. Oft entspricht das nicht mehr der Realität – und erst recht nicht dem Wunsch von Vätern und Kindern. Männer wollen in vielen Fällen mehr Verantwortung übernehmen, und die Kinder wollen sich nicht zwischen einem der beiden Elternteile entscheiden müssen.

          Ein Blick über die Grenzen hinaus zeigt, wie es anders gehen kann. In Skandinavien ist nicht das Residenzmodell die Regel, sondern das sogenannte Wechselmodell. Dabei haben Kinder nicht mehr nur einen Lebensmittelpunkt, sondern zwei. Die Väter verbringen 30, 40 oder 50 Prozent der Zeit nach der Trennung mit ihren Kindern, was entsprechend beim Unterhalt angerechnet wird. Wichtige Entscheidungen, etwa zur Schulwahl, treffen die Eltern gemeinsam, wie sie es beim gemeinsamen Sorgerecht sowieso tun. Das Wechselmodell dient dabei nicht als Unterhalts-Sparmodell, denn oft müssen die Väter in eine größere Wohnung ziehen oder mehr Spielzeug kaufen, wenn ihre Kinder mehr Zeit bei ihnen verbringen. In Skandinavien, auch in den Vereinigten Staaten, verordnen die Gerichte das Wechselmodell den Eltern sogar in einigen Fällen, weil es dem Wohl des Kindes am meisten entspreche.

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