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Kommentar zu Gesetzesvorschlag : 800 Organspender

Jens Spahn am 31.10.2018 zu Beginn der Sitzung des Bundeskabinetts im Bundeskanzleramt, in der unter anderem über Organspende beraten wird. Bild: dpa

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist im Verhältnis zum Bedarf niedrig. Das liegt auch an der selten direkt erteilten Zustimmung durch Organspendeausweise. Ein Gesetz soll das jetzt ändern.

          Die Deutschen trauen der Organspende nicht. Das ist nach den Skandalen mit manipulierten Wartelisten vor einigen Jahren verständlich. Da hilft es auch nichts, wenn Ärzte und Politiker versichern, dass Organspende eine gute Sache sei. Die Leute müssen es auch glauben. Da reicht es nicht, dass die Organspende keine negativen Schlagzeilen mehr macht. Sie muss im stressigen Klinikalltag auch wirklich gut funktionieren. Das ist nicht der Fall. Da werden potentielle Spender nicht erkannt, weil Zeit und Personal fehlen. Auch finanziell lohnt es sich für die Krankenhäuser oft nicht, Organe zu entnehmen. Beides soll ein Gesetz ändern, dem das Kabinett schon zugestimmt hat und das viele Abgeordnete des Bundestags in einer Debatte diese Woche gelobt haben. Sobald es wirkt, könnte das Vertrauen in die Organspende wachsen.

          Der Gesetzentwurf kommt ausgerechnet aus dem Haus von Gesundheitsminister Jens Spahn. Ausgerechnet, weil Spahn sich selbst überholt, wenn er jetzt eine doppelte Widerspruchslösung vorschlägt. Auch die soll helfen, mehr Organspenden zu ermöglichen – indem jeder automatisch zum Spender wird, wenn er nicht nein sagt und seine Angehörigen das auch nicht tun. Spahn meint, das einzige Recht, das damit beschnitten werde, sei das Recht, sich keine Gedanken zu machen. Aber die Linken-Abgeordnete Katja Kipping hat womöglich recht, wenn sie fürchtet, dass dann eher Ärmere und Bildungsferne zu Organspendern würden.

          Im Bundestag zeichnete sich ab, dass es wohl keine Mehrheit für eine Widerspruchslösung gibt. Für das neue Gesetz bekam Spahn aber viel Lob – und auch dafür, die Orientierungsdebatte im Bundestag angeregt zu haben. Alle Redner waren sich einig, dass etwas geschehen muss. Denn für die zehntausend Kranken, denen mit einem Organ geholfen werden könnte, geht es um Leben oder Tod. Und im vergangenen Jahr gab es nur 800 Spender. Einige Abgeordnete schlagen daher eine Entscheidungslösung vor. Die soll alle Bürger verpflichten, sich regelmäßig zur Organspende zu äußern, etwa wenn sie einen neuen Pass beantragen. Sie könnten das dann elektronisch und geheim tun, und es gäbe auch ein Kästchen für „will mich jetzt noch nicht entscheiden“. Solche Abfragen einzuführen und ein nationales Organspende-Register dafür zu schaffen wäre ein großer Aufwand. Der an sich vernünftige Vorschlag ist daher ebenfalls etwas übereilt, solange das junge Spahn-Gesetz noch nicht zeigen konnte, was in ihm steckt.

          Der frühere Gesundheitsminister Hermann Gröhe wies im Parlament darauf hin, dass ein großer Teil der Spenden schon jetzt nicht aufgrund eines Organspende-Ausweises geschieht, sondern weil Angehörige zustimmen. Viele Deutsche bejahen die Organspende, jedenfalls abstrakt. Angesichts der Not vieler Kranker wäre es gut, wenn sich mehr Menschen so eine Spende auch konkret für sich oder ihre Angehörigen vorstellen könnten. Zu akzeptieren ist aber auch, dass sich das viele für sich und ihre Lieben aus guten Gründen nicht vorstellen können. Die Frage auf diesen intimen Kern reduzieren geht aber nur, wenn das Misstrauen in das System aus den Köpfen verschwindet. Bessere Werbung könnte dabei helfen, auch wenn die Bundestagsdebatte selbst vielleicht mehr bewirkt hat als manche Infobroschüre. Wenn Gesetz und kluge Debatten nicht fruchten, sollte die Politik am Ende doch über die Abfrage beim Amt nachdenken. Aber erst dann.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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