https://www.faz.net/-gpf-8k0as

Kinderheirat : Wenn Kinder heiraten – müssen

  • -Aktualisiert am

Die Verheiratung von Minderjährigen verletzt das Kindeswohl wie das sittliche Anstandsgefühl. Gastartikel von St. Harbarth, C. Thomale und M.-Ph. Weller

          Die steigende Zuwanderung aus muslimischen Ländern stellt neuerdings vermehrt auch das deutsche Familienrecht vor schwierige Zweifelsfragen. So hatte das Oberlandesgericht Bamberg im Mai über die Anerkennung einer in Syrien geschlossenen sunnitischen Ehe zwischen einem 14 Jahre alten Mädchen und ihrem volljährigen Cousin zu befinden. Obwohl man nach deutschem Recht nur mit 18 Jahren, in Ausnahmefällen mit 16 Jahren heiraten kann, gilt nach derzeitiger Gesetzeslage für Eheschließungen das Heimatrecht der Eheleute: Maßgeblich ist hier mithin das Recht desjenigen Staates, dem die Eheleute zum Zeitpunkt der Eheschließung angehören. Darauf aufbauend urteilte das Gericht, das anwendbare syrisch-sunnitische Eherecht erlaube Mädchen bereits ab 13 Jahren die Eheschließung, wenn ein Richter die körperliche und insbesondere die Geschlechtsreife feststelle und der Vater oder der Großvater des Mädchens zustimme. Darüber hinaus würden nach syrisch-sunnitischem Recht selbst unwirksam geschlossene Ehen durch Beischlaf nachträglich wirksam. Deshalb sei die Ehe als wirksam zu behandeln.

          Diese Rechtsentwicklung ist bedenklich. Denn sie berührt im Fall der Kinderehe das besonders verletzliche Wohl der verheirateten Kinder. Auffällig ist zudem die frauendiskriminierende Tendenz von muslimischen Rechtsordnungen: Mädchen werden etwa nach syrisch-sunnitischem Recht bereits mit 13 Jahren, Jungen erst ab 15 Jahren als heiratsfähig angesehen. Sodann ist die Zustimmung der männlichen Eltern und Großeltern entscheidend.

          Den Vereinten Nationen zufolge wurden weltweit circa 700 Millionen Frauen vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet. Bei mehr als der Hälfte aller derzeitigen syrischen Hochzeiten soll mindestens einer der Ehepartner laut SOS-Kinderdorf jünger als 18 Jahre sein. Diese Entwicklung ist auch bei uns spürbar. In Berlin wurden seit Januar 2015 etwa 66000 Flüchtlinge registriert. Unter diesen soll es hundert Ehen unter Beteiligung minderjähriger Frauen geben.

          Kinderehen sind dabei besonders problematisch. Neben den Fundamentalwerten des Kindeswohls und der Geschlechtergleichbehandlung verletzen sie auch das sittliche Anstandsgefühl: Eine Gesellschaft gibt sich Regeln, die auf einer gemeinsamen Wertüberzeugung beruhen. Es ist mithin eine schlichte Frage der demokratischen, politischen Gestaltung, ob man in einem Land leben möchte, das Kinderehen gestattet, oder in einem, das Vorkehrungen trifft, um sie zu verhindern.

          Solche Gestaltungsentscheidungen unterliegen dem Wandel der Zeit: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag in Deutschland das Heiratsmindestalter von Männern bei 21, von Frauen bei 16 Jahren. Frauen konnte jedoch bei Einwilligung des Vaters (!) eine Befreiung erteilt werden, so dass sie auch unter 16 Jahren heiraten durften. Diese grundsätzliche Anerkennung von Minderjährigenehen hatte in der Bundesrepublik Deutschland mit geringfügigen Abweichungen noch bis 1974 Bestand. Erst danach wurde das Volljährigkeitsalter von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt und in Verbindung damit für beide Geschlechter das bis heute fortbestehende Heiratsmindestalter von 16 Jahren eingeführt. In der Bundesrepublik Deutschland bestand bis 1974 mithin noch ein patriarchalisches und geschlechterdiskriminierendes Heiratsregime. Diese bewegte deutsche Geschichte der Ehemündigkeit verdeutlicht zweierlei: Einerseits ist die Frage danach, ab welchem Lebensalter Mann und Frau heiraten können sollen, in der Vergangenheit verschieden beantwortet worden. Andererseits besteht in Deutschland seit immerhin über 40 Jahren – in den östlichen Bundesländern sogar seit rund 60 Jahren, da in der ehemaligen DDR seit 1955 geschlechterübergreifend das Mindestalter von 18 Jahren galt – die durchgehende und einhellige Überzeugung, dass Kinder unter 16 Jahren nicht heiraten beziehungsweise verheiratet werden dürfen.

          Weitere Themen

          Darf ich heiraten, Chef?

          Arbeitsrecht : Darf ich heiraten, Chef?

          Ein Arzt erstritt sich kürzlich das Recht, zum zweiten Mal heiraten zu dürfen, trotz eines katholischen Arbeitgebers. Auch anderswo versuchen Chefs immer wieder bei der Partnerwahl mitzumischen – in teilweise kuriosen Fällen.

          Topmeldungen

          Gerüchte in London : Kabinett plant angeblich Putsch gegen May

          Theresa May verliert wegen ihres Brexit-Kurses offenbar in den eigenen Reihen an Rückhalt. Mehrere Zeitungen berichten, ihre eigenen Minister wollten die Regierungschefin aus dem Amt drängen. Mögliche Nachfolger ständen schon bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.