https://www.faz.net/-gpf-7ksi2

Internet : Die ungeahnte Macht

  • -Aktualisiert am

Bild: Greser & Lenz

Was schon Platon und Kant wussten: Das Internet fordert dazu auf, die Grenzen des „Gerechten und Guten“ neu zu definieren. Von Nikolai Horn

          In Platons Meisterwerk „Der Staat“ (Politeia) ist uns die Geschichte über den Ring des Gyges überliefert. Sie erzählt von einem Hirten, welcher in einer Erdspalte einen Ring findet, der seinem Träger die magische Kraft verleiht, unsichtbar werden zu können. Die Macht des Ringes wird von ihm allerdings dazu gebraucht, um an die Herrscherfamilie heranzukommen, die Königin zu verführen, ihren Mann zu töten und schließlich selbst zum Ahnherr der Lyder zu werden. Mit dieser Fabel wird bei Platon gezeigt, dass eine ungeahnte Macht plötzlich die Auffassung über das Gerechte und Gute grundlegend verändern kann.

          Das Web 2.0 ist in vieler Hinsicht mit dem Ring des Gyges vergleichbar. Es sind jedoch nicht die magischen Kräfte, sondern die informationstechnologischen Errungenschaften, kraft deren die Menschen leibliche, räumliche sowie zeitliche Beschränkungen zu überwinden vermögen. Die zwischenmenschlichen Interaktionen sind nicht mehr an die leibliche Präsenz gebunden. Vernetzung, Echtzeit und Virtualität verändern sowohl die Kommunikationsform als auch die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch das Verhältnis des Staates zum Bürger im Netz nehmen einen neuen Charakter an.

          Im Unterschied zu Platons Protagonisten wird der „moderne Ring des Gyges“ allerdings nicht ausschließlich für niedere Triebe wie Machtgewinn und Bereicherung, sondern auch für ehrenwerte Zwecke gebraucht: Open Government, digitale Bürgerbeteiligung oder enthierarchisierte Kommunikation. Die Menschheit ist womöglich viel edler, als der ehrwürdige Philosoph es zu seiner Zeit vor Augen hatte.

          In einem muss man Platon jedoch recht geben: Eine neue „ungeahnte Macht“ kann sowohl einzelne Individuen als auch die demokratischen Staaten dazu verleiten, die Grenzen des „Gerechten und Guten“ neu zu definieren. Der NSA-Skandal zeigt, dass sogar ein freiheitlicher Staat wie Amerika keinen Halt davor macht, die Kanzlerin eines befreundeten demokratischen Staates auszuspähen. Zu erinnern ist auch an die Debatte von 2007 über die sogenannten „Bundestrojaner“, als eine flächendeckende Infiltration von Computern durch deutsche Sicherheitsbehörden - und zwar ohne eine entsprechende Gesetzesgrundlage - aufgedeckt wurde. Wenn die entsprechenden technischen Möglichkeiten da sind, ist die Zurückhaltung bei Freiheitsbeschränkungen tendenziell niedriger.

          Das Internet ist zum mächtigen Medium sowohl für die Freiheitsentfaltung als auch für ihre Gefährdung geworden. Man denkt in diesem Zusammenhang insbesondere an die ständig wachsende Anzahl von Straftaten im Bereich der Cyberkriminalität. Der digitale Raum ist genauso wie der analoge von einem Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit gekennzeichnet, der nicht einseitig zugunsten einer dieser Güter aufgelöst werden kann, ohne dabei die Grundlagen eines freien Gemeinwesens aufzugeben. Aus diesem Grund bleibt bei diesem Thema kein Platz - weder für eine sozialromantische Netzanarchie noch für einen staatlichen Absolutheitsanspruch auf Netzregulierung. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, dieses Verhältnis auch in der Online-Welt in Maß zu halten.

          Das Bewusstsein von dem, was rechtens ist, wird im Cyberspace insbesondere durch die digitale Kluft zwischen den Nutzern beeinflusst. Im Netz entsteht eine neue Art des intermedial gebrochenen Weltbezugs. Der virtuelle Raum ist entsinnlicht, also durch die Distanz zu den Gegenständen der physischen Welt und zur leibhaftigen Präsenz der Menschen gekennzeichnet. Diese Distanz bewirkt es, dass ein Angriff auf andere - sei er in Form eines verbalen Ausfalls in einem Blog oder einer gezielten Attacke eines Hackers - subjektiv als weniger schwer empfunden wird, als vergleichbares Handeln in der analogen Umgebung. Ein illegaler Download hat im Vergleich zum Ladendiebstahl einer DVD eher den Anschein eines bösen Kinderspiels. Die digitale Kluft suggeriert, dass das Handeln im Netz weniger „real“ sei als in der Offline-Welt. Die Authentizität der virtuellen Umgebung ist jedenfalls im Verhältnis zu der analogen Welt meist schwächer.

          Weitere Themen

          Lambrecht warnt vor Rechtsextremismus Video-Seite öffnen

          Künftige Justizministerin : Lambrecht warnt vor Rechtsextremismus

          Der „unfassbare Mord“ an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke zeige, dass die Verteidigung des Rechtsstaates aktueller denn je sei, sagte die SPD-Politikerin Christine Lambrecht, die von der Parteiführung als kommende Justizministerin vorgestellt wurde.

          Der Kampf gegen die Braunkohle Video-Seite öffnen

          Aktivisten von „Ende Gelände“ : Der Kampf gegen die Braunkohle

          Im rheinischen Braunkohlerevier stehen die Zeichen dieser Tage auf Protest. Aktivisten der Initiative „Ende Gelände“ haben zu verschiedenen Protestaktionen aufgerufen. Nun hat sich auch die Schülerbewegung „Fridays for Future“ mit „Ende Gelände“ solidarisiert.

          Topmeldungen

          Mordfall Lübcke : Allerlei Hinweise und Vermutungen

          Gab es Mittäter beim Mord am Kasseler Regierungspräsidenten? Unklar bleibt auch, welche Erkenntnisse über den Tatverdächtigen Stephan E. gespeichert wurden.

          Streit mit Frankreich um Weber : AKK gibt nicht nach

          Kramp-Karrenbauer bleibt dabei: Weber soll neuer Kommissionspräsident werden. Das macht sie ausgerechnet in Paris deutlich. Zudem verlangt sie von den Grünen in der Außenpolitik einen klareren Kurs.

          MH17-Abschuss : Keine Zweifel mehr

          Der Absturz des malaysischen Passagierflugzeugs im Juli 2014 über der Ostukraine wird ein gerichtliches Nachspiel haben. Vier Separatisten sollen sich wegen Mordes verantworten. Die Chancen darauf stehen aber schlecht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.