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Homo-Ehe : Gleichheitsfuror

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Bild: Greser & Lenz

Die Gemeinschaft von Mann und Frau ist einzigartig. Haben wir noch die Freiheit, die Legitimität von Ungleichheit zu denken?

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          Tocqueville hat es vorausgesagt. Er sah in der Gleichheitsrevolution die stärkste, elementarste Kraft der Moderne, eine säkulare Dynamik, die unwiderstehlich eine Ungleichheit nach der anderen einebnen würde. Unwiderstehlich vor allem deshalb, weil sie die öffentliche Anerkennung von Gründen, auf die sich Ungleichheit stützen könnte, zerstört. Wir nehmen diesen Prozess als Fortschritt wahr. Und doch wissen wir auch, dass es - jenseits allen vernünftigen Zweifels - legitime, wohlbegründete Ungleichheiten gibt. Aber hält dieses Wissen der Dynamik der Gleichheitsrevolution stand? Was ist, wenn die Gleichheitsrevolution blind ist? Wenn Gleichheit an sich zum Argument wird? Die Diskussion über die Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft mit der Ehe wird in vielen Ländern möglicherweise auch deshalb so heftig geführt, weil es ein undeutliches Gespür dafür gibt, dass es hinter dem aktuellen Thema noch eine andere Frage gibt - eben diese.

          Wer das Streitthema in einen so bestimmten weiteren Zusammenhang einordnet, wird nicht einfach von Gleichstellung im Allgemeinen reden wollen. Eine durch das Recht anerkannte und geregelte dauerhafte Lebensgemeinschaft zweier Partner mit Berechtigungen auszustatten, die sich aus der Logik einer solchen Partnerschaft ergeben, mögen sie auch bisher der Ehe vorbehalten gewesen sein - dafür kann man Gründe anführen. Die Frage ist, ob diese Gründe es gebieten, gleichgeschlechtliche Partnerschaften der Ehe in jeder Hinsicht gleichzustellen. Sie auch nur aufzuwerfen ist inzwischen schwierig geworden.

          Dabei ist die Annahme, dass es da eine Schwelle gibt, in hohem Maße plausibel. Diese Schwelle wird jedenfalls dann überschritten, wenn Kinder ins Spiel kommen, also bei der Adoption. Dann nämlich geht es nicht mehr um die Rechte von Erwachsenen, sondern nur noch - nur noch! - um die Pflichten des Gemeinwesens Kindern gegenüber. Sobald das klar ist, ist auch klar: Die Gemeinschaft von Mann und Frau ist einzigartig. Sie allein ist es, in der neues menschliches Leben entstehen kann. Und sie ist es, die als dauerhafte Gemeinschaft von Mutter und Vater dem Kind die günstigsten Bedingungen des Heranwachsens bietet. Die von der Natur vorgegebene Konfiguration ist prinzipiell nicht durch eine für das Kind gleichwertige ersetzbar.

          Ist das bewiesen? Das wird man sofort fragen. Aber ist die Beweislast nicht umgekehrt gelagert? Müsste nicht, wer aus dem Zweifel daran, dass es so ist, praktische Konsequenzen ziehen will, nachweisen, dass es nicht so ist? Und ist diese Zuweisung der Beweislast nicht umso zwingender, je mehr die Beweislastregel über den Ausgang der Debatte entscheidet? Der Gesetzgeber und die Gerichte rufen in solchen Situationen nach der Wissenschaft. Aber es ist durchaus fraglich, was die Wissenschaft über menschliche Lebensverhältnisse dieser Komplexität wirklich verlässlich herausfinden kann. Urteilsfähig in der Frage, welche Bedingungen dem heranwachsenden Kind typischerweise am förderlichsten sind, wird man vermutlich am ehesten durch reflektierte Lebenserfahrung, die man im Umgang mit Kindern gewinnt - als Pädagoge, Kinderarzt, Psychiater, natürlich als Mutter und Vater. Nichts spricht dafür, dass diese Erfahrung die These, Mutter und Vater, Vater und Mutter seien auf eine einzigartige Weise die kindgemäße Elternkonfiguration, in Frage stellt.

          Das heißt natürlich nicht, dass es sich tatsächlich immer so verhält. Und es heißt auch nicht daran vorbeisehen, dass viele, zu viele Kinder in anderen Konstellationen aufwachsen. Aber das sind Lebenswirklichkeiten, keine für die Streitfrage, um die es hier geht, relevanten Argumente. Es sind Lebenswirklichkeiten, für die der Staat nicht unmittelbar verantwortlich ist; in denen ihm allenfalls sekundär Aufsichts- und Unterstützungspflichten zufallen. Bei der Adoption hingegen entscheidet der Staat letztverantwortlich über die Elternkonfiguration, mit der ein Kind aufwächst. Und bei dieser Entscheidung kann es nur darum gehen, nach bestem Wissen und Gewissen die für das Kind günstigste Lösung zu wählen. Gleichbehandlungsansprüche potentieller Eltern, wie auch immer begründet, sind in Relation zu diesen Pflichten irrelevant.

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