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Sterbehilfe : Selbstmord aus Angst vor dem Doktor

Wo der Tod kein Gegner mehr ist: Eine Schwester bereitet auf der Palliativstation des Münchner Krankenhauses der Barmherzigen Brüder das Bett für einen Patienten vor Bild: Müller, Andreas

An diesem Donnerstag debattiert der Bundestag über Sterbehilfe. Auch Frau W. wollte diese in Anspruch nehmen, als sie von dem Tumor in ihrem Bauch erfuhr. Doch dann nahm ihr ein Arzt die Angst vor dem natürlichen Tod - vorerst.

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          Dass Frau W. noch lebt, ist ein Zufall. Als Ärzte ihr im Juli sagten, sie sei an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, ohne Hoffnung auf Heilung, nur mit der Aussicht, qualvoll zu sterben, begann sie ihren Freitod zu planen. „Ich fahre in die Schweiz“, sagte sich W., dieser Gedanke sei ein „befreiendes Gefühl“ gewesen.

          Alexander Haneke
          Redakteur in der Politik.

          In der Schweiz gibt es Organisationen, die Todkranken wie W. helfen, ihr Leben zu beenden. Sie meldete sich bei dem Sterbehilfeverein Dignitas an und überwies mehrere tausend Euro als Anzahlung. Eine Freundin von W. überredete sie, sich auch auf der Palliativstation im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in München vorzustellen. Selbst wäre W. nicht auf diese Idee gekommen.

          „Ich habe diesen Bau immer gemieden“, sagt sie. „Der hatte für mich einen Todesstempel - und mir geht es ja eigentlich noch gut, ich dachte, die schicken mich gleich wieder nach Hause.“ Sie durfte bleiben. So lange, wie sie es selbst möchte. Sie soll hier über den Tod reden können und sich auf ihn vorbereiten. Ein offener Umgang mit dem Tod, der kein Gegner mehr sein soll. „Wäre das in der Schweiz schneller gegangen, wäre ich heute schon nicht mehr am Leben“, sagt sie.

          Dürfen deutsche Patienten den Freitod wählen?

          Wenn die Abgeordneten des Bundestages am Donnerstag über eine gesetzliche Neuregelung der Sterbehilfe entscheiden, dann geht es um die Frage, inwieweit deutsche Ärzte Patienten wie W. bei einem Freitod helfen dürfen. Der Fraktionszwang für die Abgeordneten wurde aufgehoben, die Lager haben sich quer durch die Parteien gebildet. Die Vorschläge reichen von einem generellen Verbot ärztlicher Beihilfe zum Suizid und organisierter Sterbehilfe bis hin zu einer expliziten Erlaubnis.

          Bis ins nächste Jahr hinein wollen sich die Abgeordneten Zeit nehmen, um über eine gesetzliche Regelung zu debattieren. Die Neuregelung dreht sich im Wesentlichen um den „ärztlich assistierten Suizid“, die Beihilfe zur Selbsttötung durch einen Arzt. Ein Arzt kann einem Patienten helfen, sich selbst das Leben zu nehmen, indem er etwa ein Medikament in einer tödlichen Dosis aushändigt, das der Patient selbst einnimmt. Juristisch wird Beihilfe zum Suizid nicht bestraft, weil der Suizid selbst nicht verboten ist. In einigen Bundesländern untersagen lediglich die Ärztekammern den „begleiteten Suizid“ durch ihr Standesrecht.

          Auf den Garten können sämtliche Patienten aus ihren Zimmern blicken Bilderstrecke
          Palliativstation : Eine Alternative zum Selbstmord

          Wie W. suchen viele Sterbewillige aus Deutschland nach Hilfe im Ausland. In der Schweiz sterben Mitglieder von Dignitas durch die Einnahme eines nach Angaben des Vereins humanen Mittels, eines besonders starken Barbiturats, das Ärzte in Deutschland nicht verschreiben können. So wollte W. sterben. Sie bereitete alles vor, überwies das Geld, wurde von Dignitas überprüft und bekam grünes Licht. Sie konnte jederzeit sterben. Mit ihrer Tochter machte sie noch eine letzte Reise, mit einem Kreuzfahrtschiff entlang der Riviera. Sie sagt, es sei ihr wesentlich besser gegangen nach ihrem Entschluss, den Tod zu suchen. Aber sie fuhr nicht in die Schweiz, sondern folgte dem Rat ihrer Freundin. Nun wohnt W. seit der vergangenen Woche im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in München.

          „Sie wollen und können nicht mehr.“

          „Viele Menschen sagen, sie wollen gerne sterben, weil sie einen langen, mühsamen und qualvollen Krankheitsweg gegangen sind“, sagt der Chefarzt der Palliativstation, Marcus Schlemmer. „Sie wollen und können nicht mehr.“ Doch es gebe einen großen Unterschied: „Die Sätze ,Ich will sterben‘ und ,Ich will mich töten‘ sind zwei vollkommen verschiedene Dinge“, sagt Schlemmer.

          Palliativmediziner bieten eine Alternative zur Freitodbegleitung von Vereinen wie Dignitas: Sie begleiten die Menschen bis zu ihrem natürlichen Tod. Keine aufwendige Chemotherapie mehr, keine großen Geräte, sondern die gezielte Behandlung der Symptome, um den Patienten ihre verbleibende Lebenszeit erträglich zu machen. Linderung der Schmerzen, psychologische und seelsorgerische Betreuung, vor allem aber auch Hilfe in ganz praktischen Fragen. Sozialmedizinische Betreuer helfen den Patienten bei Behördengängen. Ehrenamtliche Helfer kommen vorbei, um für die Patienten da zu sein.

          Die Palliativstation der Barmherzigen Brüder ist die größte ihrer Art in Deutschland. Die meisten der 32 Betten stehen in Einzelzimmern, von allen Räumen haben die Patienten einen Blick in den Garten des Krankenhauses am Rande des Nymphenburger Schlossparks, die meisten Zimmer haben sogar eine eigene Terrasse, auf die sich die Patienten in ihrem Bett schieben lassen können, wenn sie noch einmal das Rauschen der Bäume hören oder den Wind auf der Haut spüren wollen. Dazu gibt es Wohnzimmer, Gemeinschaftsräume, eine Küche, in der Patienten und Angehörige sich selbst bekochen können. Und einen Raucherraum. Wer will einem Sterbenden schon das Rauchen verbieten?

          Es fehlen die Angebote in Deutschland

          Statt einer Gesetzesänderung fordern viele Ärzte den Ausbau der Palliativmedizin und Hospizarbeit in Deutschland. „Die Leute fahren in die Schweiz, weil ihnen hier niemand Alternativen aufzeigt“, sagt Stefan Lorenzl, Neurologe und Palliativmediziner im oberbayrischen Agataried.

          Er bemängelt, dass es gerade im neurologischen Bereich viel zu wenige Palliativstationen gebe, obwohl gerade Patienten mit Krankheiten wie ALS oder multipler Sklerose eine frühe palliativmedizinische Betreuung brauchten - weil beide Krankheiten nicht heilbar sind und der Fokus darauf liegen sollte, die Leiden zu lindern. Auch Alzheimer und Demenz sind eigentlich Fälle für eine palliative Betreuung.

          Dass W. Selbstmord in der Schweiz begehen wollte, hatte mit Angst zu tun. Aber es war nicht nur die Angst vor dem Tod, sondern die Angst vor den Ärzten und ihrer modernen Gerätemedizin. „Ein Pflegefall zu werden und von Maschinen am Leben gehalten zu werden, das wollte ich nicht“, sagt W. Wahrscheinlich könnten sich viele Zimmer in Palliativstationen finanzieren lassen durch den Verzicht auf ein Bett in einer Intensivstation.

          Verlernt, den Tod zuzulassen?

          „Wir Ärzte haben es möglicherweise verlernt, den Tod einfach zuzulassen“, sagt Schlemmer. „Für viele meiner Kollegen ist der Tod eine Niederlage. Wir sind dazu erzogen, Menschen zu heilen. Und deshalb versuchen wir immer noch eine Therapie und noch eine Therapie, weil wir es möglicherweise selbst nicht aushalten können.“ Für einen Onkologen sei es leichter, seinem Patienten noch einen neuen, gerade erforschten Antikörper gegen den Krebs zu geben, als ihm zu sagen, dass er sterben müsse.

          „Wir müssen den Menschen wieder erlauben, einfach zu sterben.“ In Amerika gebe es eine Abkürzung dafür: „AND - allow natural death“, den natürlichen Tod zulassen. „Für mich ist es keine Niederlage, wenn der Patient stirbt“, sagt Schlemmer. Auf seiner Station gehört der Tod zum Alltag. „Aber für mich ist es eine Niederlage, wenn der Patient sich töten will.“ Schlemmer hat in den vergangenen Jahren schon zwölf Patienten, die sich in der Schweiz bei Dignitas angemeldet hatten, überzeugt, den natürlichen Weg zu gehen.

          Schon heute können Ärzte in Deutschland viel tun, um Todkranken das Sterben zu erleichtern. Bei den meisten Patienten nimmt mit dem Fortschreiten der Erkrankung das natürliche Gefühl für Hunger und Durst ab. Ohne künstliche Ernährung, ohne Geräte könnten sie natürlich sterben. Haben sie Schmerzen, lassen diese sich meist durch Medikamente lindern. Sind die Beschwerden zu stark, können Ärzte die Sterbenden auch in ein künstliches Koma versetzen. Dieser Weg hat einen Vorteil: Man kann jederzeit umkehren. Das ist mehr als die Bedenkzeit von zehn Tagen, die Befürworter des ärztlich assistierten Suizids für Sterbewillige vorschlagen, bevor diese etwa ein tödliches Barbiturat einnehmen.

          Indirekte Sterbehilfe ist erlaubt

          Nur die aktive Sterbehilfe, die Tötung auf Verlangen, ist in Deutschland verboten. Das Abschalten der Geräte oder der Verzicht auf weitere lebenserhaltende Maßnahmen ist es nicht. Diese Form des Sterbens können Ärzte begleiten und mit Schmerzmitteln erträglich machen. Auch „indirekte“ Sterbehilfe ist erlaubt, wenn der Arzt starke Schmerzmittel verabreicht und dabei in Kauf nimmt, dass der Patient durch die Medikation früher sterben könnte. Wenn es dem Arzt nur um die Linderung der Schmerzen geht und der Tod nur als mögliche Nebenwirkung eintritt, ist das nicht verboten.

          Auch Patienten können in Deutschland viel tun, um ein Dahinvegetieren auf der Intensivstation zu verhindern - etwa eine eindeutige Patientenverfügung verfassen, die jede lebensverlängernde Maßnahme, auch die künstliche Ernährung, untersagt. Eine Behandlung gegen diesen Willen des Patienten wäre Körperverletzung. Schlemmer wirbt vor allem dafür, eine Vorsorgevollmacht zu vergeben, also einen dem Patienten nahestehenden Menschen für den Fall als Bevollmächtigten einzusetzen, der dann nach dem Willen des Patienten entscheiden soll.

          „Suizid darf nicht gesellschaftlich anerkannt sein“

          „Ein Grund für viele Menschen, über einen schnellen Tod nachzudenken, ist sicher die Angst vor Schmerzen“, sagt der Neurologe Lorenzl. „Die Schmerzen können wir meistens lindern. Aber die viel stärkere Motivation ist oft die Angst, anderen Menschen zur Last zu fallen.“ Und diese Angst kann man den Menschen nicht so leicht nehmen. Genau das ist der eigentliche Grund, weshalb Schlemmer sich gegen eine Ausweitung des ärztlich assistierten Suizids ausspricht.

          „Wir müssen verhindern, dass der Suizid zu einer gesellschaftlich akzeptierten Option wird“, sagt Schlemmer. „Wenn alte Menschen in Zukunft wissen, da gibt es diese Option, anstatt in ein Pflegeheim zu gehen und anderen zur Last zu fallen, und es dann vielleicht noch eine Abrechnungsziffer ,assistierter Suizid‘ für den Arzt gibt, dann werden Alte und Kranke viel schneller dahin neigen und sagen, dann mache ich eben Schluss.“

          W. weiß noch nicht, ob sie vielleicht doch in die Schweiz fährt. Ihre Anmeldung bei Dignitas hat sie nicht zurückgenommen. „Wenn mich der Mut wieder verlässt und ich nicht mehr weiter will, fahre ich“, sagt sie. Für Schlemmer, ihren Arzt, wäre das eine Niederlage.

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