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Sterbehilfe : Selbstmord aus Angst vor dem Doktor

Schon heute können Ärzte in Deutschland viel tun, um Todkranken das Sterben zu erleichtern. Bei den meisten Patienten nimmt mit dem Fortschreiten der Erkrankung das natürliche Gefühl für Hunger und Durst ab. Ohne künstliche Ernährung, ohne Geräte könnten sie natürlich sterben. Haben sie Schmerzen, lassen diese sich meist durch Medikamente lindern. Sind die Beschwerden zu stark, können Ärzte die Sterbenden auch in ein künstliches Koma versetzen. Dieser Weg hat einen Vorteil: Man kann jederzeit umkehren. Das ist mehr als die Bedenkzeit von zehn Tagen, die Befürworter des ärztlich assistierten Suizids für Sterbewillige vorschlagen, bevor diese etwa ein tödliches Barbiturat einnehmen.

Indirekte Sterbehilfe ist erlaubt

Nur die aktive Sterbehilfe, die Tötung auf Verlangen, ist in Deutschland verboten. Das Abschalten der Geräte oder der Verzicht auf weitere lebenserhaltende Maßnahmen ist es nicht. Diese Form des Sterbens können Ärzte begleiten und mit Schmerzmitteln erträglich machen. Auch „indirekte“ Sterbehilfe ist erlaubt, wenn der Arzt starke Schmerzmittel verabreicht und dabei in Kauf nimmt, dass der Patient durch die Medikation früher sterben könnte. Wenn es dem Arzt nur um die Linderung der Schmerzen geht und der Tod nur als mögliche Nebenwirkung eintritt, ist das nicht verboten.

Auch Patienten können in Deutschland viel tun, um ein Dahinvegetieren auf der Intensivstation zu verhindern - etwa eine eindeutige Patientenverfügung verfassen, die jede lebensverlängernde Maßnahme, auch die künstliche Ernährung, untersagt. Eine Behandlung gegen diesen Willen des Patienten wäre Körperverletzung. Schlemmer wirbt vor allem dafür, eine Vorsorgevollmacht zu vergeben, also einen dem Patienten nahestehenden Menschen für den Fall als Bevollmächtigten einzusetzen, der dann nach dem Willen des Patienten entscheiden soll.

„Suizid darf nicht gesellschaftlich anerkannt sein“

„Ein Grund für viele Menschen, über einen schnellen Tod nachzudenken, ist sicher die Angst vor Schmerzen“, sagt der Neurologe Lorenzl. „Die Schmerzen können wir meistens lindern. Aber die viel stärkere Motivation ist oft die Angst, anderen Menschen zur Last zu fallen.“ Und diese Angst kann man den Menschen nicht so leicht nehmen. Genau das ist der eigentliche Grund, weshalb Schlemmer sich gegen eine Ausweitung des ärztlich assistierten Suizids ausspricht.

„Wir müssen verhindern, dass der Suizid zu einer gesellschaftlich akzeptierten Option wird“, sagt Schlemmer. „Wenn alte Menschen in Zukunft wissen, da gibt es diese Option, anstatt in ein Pflegeheim zu gehen und anderen zur Last zu fallen, und es dann vielleicht noch eine Abrechnungsziffer ,assistierter Suizid‘ für den Arzt gibt, dann werden Alte und Kranke viel schneller dahin neigen und sagen, dann mache ich eben Schluss.“

W. weiß noch nicht, ob sie vielleicht doch in die Schweiz fährt. Ihre Anmeldung bei Dignitas hat sie nicht zurückgenommen. „Wenn mich der Mut wieder verlässt und ich nicht mehr weiter will, fahre ich“, sagt sie. Für Schlemmer, ihren Arzt, wäre das eine Niederlage.

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