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Sterbehilfe : Selbstmord aus Angst vor dem Doktor

Palliativmediziner bieten eine Alternative zur Freitodbegleitung von Vereinen wie Dignitas: Sie begleiten die Menschen bis zu ihrem natürlichen Tod. Keine aufwendige Chemotherapie mehr, keine großen Geräte, sondern die gezielte Behandlung der Symptome, um den Patienten ihre verbleibende Lebenszeit erträglich zu machen. Linderung der Schmerzen, psychologische und seelsorgerische Betreuung, vor allem aber auch Hilfe in ganz praktischen Fragen. Sozialmedizinische Betreuer helfen den Patienten bei Behördengängen. Ehrenamtliche Helfer kommen vorbei, um für die Patienten da zu sein.

Die Palliativstation der Barmherzigen Brüder ist die größte ihrer Art in Deutschland. Die meisten der 32 Betten stehen in Einzelzimmern, von allen Räumen haben die Patienten einen Blick in den Garten des Krankenhauses am Rande des Nymphenburger Schlossparks, die meisten Zimmer haben sogar eine eigene Terrasse, auf die sich die Patienten in ihrem Bett schieben lassen können, wenn sie noch einmal das Rauschen der Bäume hören oder den Wind auf der Haut spüren wollen. Dazu gibt es Wohnzimmer, Gemeinschaftsräume, eine Küche, in der Patienten und Angehörige sich selbst bekochen können. Und einen Raucherraum. Wer will einem Sterbenden schon das Rauchen verbieten?

Es fehlen die Angebote in Deutschland

Statt einer Gesetzesänderung fordern viele Ärzte den Ausbau der Palliativmedizin und Hospizarbeit in Deutschland. „Die Leute fahren in die Schweiz, weil ihnen hier niemand Alternativen aufzeigt“, sagt Stefan Lorenzl, Neurologe und Palliativmediziner im oberbayrischen Agataried.

Er bemängelt, dass es gerade im neurologischen Bereich viel zu wenige Palliativstationen gebe, obwohl gerade Patienten mit Krankheiten wie ALS oder multipler Sklerose eine frühe palliativmedizinische Betreuung brauchten - weil beide Krankheiten nicht heilbar sind und der Fokus darauf liegen sollte, die Leiden zu lindern. Auch Alzheimer und Demenz sind eigentlich Fälle für eine palliative Betreuung.

Dass W. Selbstmord in der Schweiz begehen wollte, hatte mit Angst zu tun. Aber es war nicht nur die Angst vor dem Tod, sondern die Angst vor den Ärzten und ihrer modernen Gerätemedizin. „Ein Pflegefall zu werden und von Maschinen am Leben gehalten zu werden, das wollte ich nicht“, sagt W. Wahrscheinlich könnten sich viele Zimmer in Palliativstationen finanzieren lassen durch den Verzicht auf ein Bett in einer Intensivstation.

Verlernt, den Tod zuzulassen?

„Wir Ärzte haben es möglicherweise verlernt, den Tod einfach zuzulassen“, sagt Schlemmer. „Für viele meiner Kollegen ist der Tod eine Niederlage. Wir sind dazu erzogen, Menschen zu heilen. Und deshalb versuchen wir immer noch eine Therapie und noch eine Therapie, weil wir es möglicherweise selbst nicht aushalten können.“ Für einen Onkologen sei es leichter, seinem Patienten noch einen neuen, gerade erforschten Antikörper gegen den Krebs zu geben, als ihm zu sagen, dass er sterben müsse.

„Wir müssen den Menschen wieder erlauben, einfach zu sterben.“ In Amerika gebe es eine Abkürzung dafür: „AND - allow natural death“, den natürlichen Tod zulassen. „Für mich ist es keine Niederlage, wenn der Patient stirbt“, sagt Schlemmer. Auf seiner Station gehört der Tod zum Alltag. „Aber für mich ist es eine Niederlage, wenn der Patient sich töten will.“ Schlemmer hat in den vergangenen Jahren schon zwölf Patienten, die sich in der Schweiz bei Dignitas angemeldet hatten, überzeugt, den natürlichen Weg zu gehen.

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