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Gastbeitrag : Weltbürger im Allgäu

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Wer Großeltern aus Anatolien, Sizilien oder Nordafrika hat, sieht die Welt anders als der Schriftsteller aus dem Allgäu. Bild: Greser & Lenz

Die Segnungen des Rechtsstaats sind unbestritten. Aber er hat auch eine hässliche Kehrseite: Sturheit, ja Unmenschlichkeit. Ausländer lehren uns, dass es auch anders geht.

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          So ist nun mal die Vorschrift.“ Klappe zu. Der Beamte hinter dem Schalter vertieft sich wieder in seine Unterlagen. „Da brauchen wir auch die Unterschrift des Ehemannes“ (es geht um die Verlängerung eines Kinderpasses). „Wo er lebt, herrscht momentan Bürgerkrieg!“ „Da kann ich nichts machen, so ist nun mal die Vorschrift.“ Und eine dritte Erfahrung: Die junge Mutter mit einem Kind auf dem Arm, das andere an der Hand, schafft es nicht, auch noch das Handgepäck in den Flughafenbus zu bugsieren. Die Flugbegleiterin, freundlich um Hilfe gebeten, lehnt ab: „Dafür bin ich nicht versichert.“ Der Busfahrer, sichtlich ausländischer Herkunft, verlässt sofort seinen Platz am Steuer und hilft wortlos, mit einem Lächeln. Ein anderer Busfahrer „mit Migrationshintergrund“, der im nächsten Städtchen gerade losfahren will, hält an und wartet auf die ältere Dame, die etwas verspätet angelaufen kommt. Unterwegs hält er noch einmal außerhalb der Haltestellen, was gegen seine Vorschriften verstößt, und nimmt jemanden auf, der da winkt. Den kleinen Zeitverlust holt er locker wieder ein.

          Wir alle kennen aus unserem Alltag den liebenswürdigen italienischen Kellner im Restaurant, den türkischen Gemüsehändler, der auch nach Ladenschluss noch etwas verkauft, nun auch seinen uniformierten Landsmann bei der Polizei, den freundlichen Afghanen bei der Müllabfuhr, die verlässliche kroatische Haushaltshilfe, den flink arbeitenden Kurden bei der Schuhreparatur und Schlüsseldienst, den Kollegen auf dem Bau oder am Fließband, den indischen Programmierer in der Software-Firma. „Unsere“ Ausländer bestimmen wesentlich das Bild der Arbeitswelt und damit auch unseren Umgangston.

          Seit den sechziger Jahren wurde Deutschland zum Einwanderungsland, auch wenn das lange und hochoffiziell geleugnet wurde. Die Ausländer kamen teils über gezielte Anwerbung als „Gastarbeiter“, teils als frei bewegliche Spezialisten, teils als Asylsuchende, teils als Wirtschaftsflüchtlinge. In Deutschland stammt nun etwa jeder Fünfte aus einer Zuwandererfamilie. Längst hat sich ein solider Mittelstand entwickelt; in vielen Führungspositionen sitzen ehemalige Ausländer. Aber die knapp sieben Millionen Ausländer gehören im Durchschnitt zu den ärmeren Teilen der Bevölkerung, ihre Ausbildung ist schlechter, jeder Dritte arbeitet für Niedriglohn, ihre Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie jene der Deutschen.

          Der öffentliche Dienst kennt keine kulturellen Unterschiede

          Auch wenn sie eine Minderheit darstellen, so wirken sie doch unübersehbar mit an der gesellschaftlichen Kommunikation. Sie bringen ihre Vorlieben und Abneigungen, vor allem aber ihre Umgangsformen mit. Diese sind, sehr vereinfacht, flexibler und höflicher als hierzulande. Das schließt ein, auch einmal ein Auge zuzudrücken und von der Norm abzuweichen. Sie kennen aus ihren Ländern andere Einstellungen zu Vorschriften und zur Bürokratie. Wer aus Diktaturen oder autoritären Regimen kommt, hat meist negative Erfahrungen mit dem Staat, anders als jeder EU-Bürger. Wer einem Bürgerkrieg oder einem im Chaos versinkenden Staat entkommen ist, wird einen geordneten Staat aus vollem Herzen begrüßen und kleine Umständlichkeiten nicht allzu schwer nehmen. Alle aber müssen sich auf unseren Habitus, den wir selbst nach langer Gewöhnung kaum noch wahrnehmen, einstellen. Viele von ihnen kommen aus Ländern, wo der Zeitfaktor eine geringere Rolle spielt, wo man offener und zugewandter miteinander umgeht, einen Staat als abstrakte Größe kaum kennt oder ihm jedenfalls nicht die erste Rangstelle einräumt. Die Familie, der Clan, die regionale Zugehörigkeit sind dort tendenziell wichtiger für die Lebensgestaltung als bei uns.

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