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Gastbeitrag: Verfassungsstaat : Unser Lebenselixier

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Ursprung und Zukunft des freiheitlichen Verfassungsstaates und der westlichen Moderne: Das Christentum

          Schon in Platons „Politeia“ steht für Sokrates fest: Verfassungen leiten ihren Ursprung nicht „wer weiß woher, von Eiche oder Fels“, sondern „von den im Staat herrschenden sittlichen Anschauungen her“. Dieser Befund trifft auch auf freiheitliche Verfassungen zu. Denn sie entstehen dadurch, dass der Verfassungsgeber an die geistige Situation seiner Zeit anknüpft, an Ordnungsideen, gesellschaftlich akzeptierte Prinzipien und historisch gewachsene Rechtsüberzeugungen, die er sichtend auswählt, gewichtend prüft und interpretierend konkretisiert. Die auf diese Weise in Bezug genommenen Ideen und Grundsätze sind Resultat geschichtlicher Erfahrungen und in vielen Jahrhunderten gewachsener geistiger Strömungen, in Europa weithin anerkannte Ableitungen etwa von Antike, Renaissance und Aufklärung. Ob sie aber ebenso auch Derivate, genauer: säkulare Derivate des Christentums, sind, ist eine seit langem und bis heute umstrittene Frage.

          Deren gegenwärtig wieder wachsende Aktualität geht einher mit einer Akzentverlagerung. War sie bislang vor allem darauf ausgerichtet, den historischen Beitrag des Christentums zum Werden des modernen Staates auszumessen, richtet sich ihr Blick im Horizont gesellschaftlicher Pluralisierung nunmehr vermehrt darauf, ob soziokulturelle Gelingensbedingungen moderner Staatlichkeit bestehen, zu deren Existenz und Erneuerung das Christentum Wesentliches beiträgt. Vor diesem Hintergrund verlangt die Frage nach dem Verhältnis von Christentum und Verfassungsstaat zweierlei: historische Vergewisserung und zukunftsbezogene Versicherung.

          Die historische Vergewisserung nimmt ihren Ausgang in der Unterscheidung zwischen weltlicher und geistlicher Sphäre. Sie ist eine genuine Wirkung des lateinischen Christentums. So wird bereits in dem Schreiben von Papst Gelasius I. an Kaiser Anastasius aus dem Jahre 494 unter Anknüpfung an das Zwei-Schwerter-Wort Jesu die wegweisende Formulierung von den „zwei Gewalten“ geprägt, die nachhaltig zwischen Imperium und Sazerdotium differenziert. Damit ist in fortan wirkmächtiger Weise der Dualismus zwischen weltlicher und geistlicher Macht, zwischen Kaiser und Papst grundgelegt. Nichts verdeutlicht dies mehr als der im 11. Jahrhundert einsetzende Investiturstreit und insbesondere der aus dem Jahre 1075 stammende Dictatus papae von Papst Gregor VII. Dem dort verfochtenen Freiheits- und Suprematieanspruch der kirchlichen gegenüber der weltlichen Gewalt liegt nicht nur die ausschließliche Beanspruchung alles Geistlichen und Sakralen für die Kirche zugrunde. Vielmehr ist in ihm implizit auch die Entlassung der politischen Ordnung aus ihrem geistlichen Standort angelegt, da sie Voraussetzung für das Geltendmachen der Suprematie ist.

          Auch wenn die überkommene politisch-religiöse Einheit der res publica christiana im Bewusstsein ihrer Zeit zunächst fortbesteht und die alten Ordnungsformen formal überdauern, verhilft der Investiturstreit so dem Gedanken der Eigenständigkeit weltlicher Belange über die Jahrhunderte hinweg doch zu historischer Wirkung. Das ist zu Recht vielfach als Revolution gewürdigt worden, weil hierdurch für die westliche Hemisphäre des Christentums eine vollständige Einheit von weltlicher und geistlicher Herrschaft abgewiesen und damit eine schlechthin unentbehrliche Grundlage für die Entstehung des freiheitlichen Verfassungsstaates geschaffen worden ist.

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