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Gastbeitrag: Verfassungsstaat : Unser Lebenselixier

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Hierüber weit hinausgehend, trägt das Christentum zudem dazu bei, das Lebenselixier einer freiheitlichen Ordnung, die tatsächliche und selbstverantwortete Freiheitswahrnehmung des Einzelnen, zu stärken. Dieser bedarf es im freiheitlichen Verfassungsstaat deshalb besonders, weil in ihm jene Leistungen, auf die das Gemeinwesen in geistiger, ökonomischer und sozialer Hinsicht angewiesen ist, dem freien Engagement seiner Bürger anvertraut sind. Das macht die Freiheitsbereitschaft und -fähigkeit des Individuums für den Staat zu einer unentbehrlichen Ressource eigener Vitalität. Auch an deren Erneuerung wirkt das Christentum mit. So steuert es zur Regeneration bürgerlicher Freiheitsbereitschaft zunächst die Pflege einer säkularen Mentalität bei, die sich im Anschluss an den Investiturstreit über die Jahrhunderte hinweg entwickelt und in deren Folge weltliche Geschehensabläufe nicht mehr als unabwendbares Schicksal, sondern als gestaltbare Herausforderungen erscheinen.

Damit stärkt es zugleich eine aktivitätsbejahende Haltung. Auch diese ist eine Grundstimmung der westlichen Moderne, die nicht zuletzt aus der christlichen Vorstellung gespeist wird, dass das jenseitige Leben nicht gewinnen kann, wer das diesseitige Leben nicht nutzt, um in weltverändernder Gottes- und Nächstenliebe zu wachsen, unterstützt von dem Glauben, dass die Bewährung im weltlichen Leben einmalige Chance und daher - im Kontrast etwa zu asiatischen Wiedergeburtslehren - nicht nachholbar ist. Indes wirkt das Christentum nicht nur auf die Freiheitsbereitschaft, sondern auch auf die Freiheitsfähigkeit, verstanden als die Begabung zu einer vernunftgerechten und selbstverantworteten Inanspruchnahme individueller Freiheitsrechte, ein. Das gilt auf der einen Seite für die Durchsetzung einer rationalen Weltdeutung, weil es mit der christlichen Vorstellung vom Menschen als Imago Dei Glaube und Vernunft miteinander versöhnt. Daher kann die menschliche Gottesebenbildlichkeit von Thomas von Aquin dadurch gekennzeichnet werden, dass mit ihr „die Vernunft, der freie Wille und die Herrschaft über das Tun und Lassen bezeichnet wird“. Auf der anderen Seite fördert das Christentum die Vorstellung der individuellen Verantwortlichkeit als Korrektiv menschlicher Freiheit, weil mit ihm die Vorstellung der endgerichtlichen Verantwortung vor Gott Einzug in das Denken hält. Diese wird zwar hernach zugunsten der Moral zurückgedrängt und als Selbstverantwortung gewissermaßen in den Menschen hineinverlegt, bleibt aber als Idee ethisch gebundener Freiheit erhalten.

Auch wenn das Christentum Wesentliches zur dauerhaften Verwirklichung des freiheitlichen Verfassungsstaates beizusteuern vermag, also nicht nur historisch zu dessen Entstehen, sondern auch gegenwärtig zu seinem Bestehen beiträgt, stellen beide doch inkommensurable Größen dar. Das zeigt sich bereits daran, dass die genuinen Weltwirkungen des Christentums aus dessen Sicht stets externe Effekte und damit säkulare Nebenwirkungen des Glaubens bleiben, auf die es nicht vorrangig abzielt. Aus der Perspektive des freiheitlichen Verfassungsstaates indessen stellt sich die Lage umgekehrt dar: Sein Interesse richtet sich auf die säkularen Folgen des christlichen Glaubens als soziokulturelle Bedingungen eigenen Gelingens, während deren religiöse Grundierung außerhalb seines Horizonts liegt. Die zukunftsgerichtete Erneuerung dieser Voraussetzungen gewinnt für ihn umso mehr an Bedeutung, je pluraler das Konzert gesellschaftlicher Ansichten wird. Denn die von Platon formulierte Überzeugung des Sokrates gilt nicht nur für die historische Herkunft, sondern auch für die Zukunft freiheitlicher Verfassungen: dass diese ihre Geltung nicht „wer weiß woher, von Eiche oder Fels“ herleiten, sondern „von den im Staat herrschenden sittlichen Anschauungen“.

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