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Gastbeitrag: Verfassungsstaat : Unser Lebenselixier

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Genuinen Einfluss nimmt das Christentum daneben, historisch betrachtet, auch auf die Vorstellungen von Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit. So wurzelt die Würde des Einzelnen aus biblisch-theologischer Sicht in der menschlichen Gottesebenbildlichkeit. Das Christentum begreift sie als eine allen Menschen von Natur aus zukommende, ebenso unverdienbare wie unverlierbare Eigenschaft. Deshalb bejaht es im Gegensatz zum Verständnis der Antike die Würde aller, auch die Würde des Sünders, des Ausgestoßenen und des Sklaven. Das ist nicht nur eine essentielle Quelle für die Idee der Gleichheit. Vielmehr erwächst hieraus auch der christliche Personenbegriff und aus diesem wiederum die Idee der Unverfügbarkeit und Unantastbarkeit des Individuums als Person. Eine solche Sichtweise muss zwangsläufig die antike Einbindung des Einzelnen in den kollektiven Verband der Gesellschaft aufbrechen, sein restloses Aufgehen im gesellschaftlichen und staatlichen Ganzen verabschieden und ihn gewissermaßen zu dessen Gegenüber machen. Das ist eine wesentliche Grundbedingung für ein modernes Verständnis von Freiheit.

Gleichwohl unterbleibt bis zum Beginn der Neuzeit die Ableitung und Begründung moderner Individualrechte. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die christlichen Vorstellungen von Menschenwürde und Personalität, von persönlicher Freiheit und Gleichheit zunächst im Horizont des Glaubens gründen und daher als spirituelle Ideen verstanden werden, die nicht zuvörderst im Raum von Gesellschaft und Reich, sondern in der Beziehung zu Gott und im Raum der christlichen Gemeinde ihre Verwirklichung finden. Trotzdem sind mit ihnen die Voraussetzungen und Grundlagen dafür geschaffen, dass in einer komplexen, weder linear kausal verlaufenden noch von Widersprüchen freien Wirkungsgeschichte moderne Freiheits- und Gleichheitsrechte haben entstehen können - in einem Prozess, dessen bedeutungsvollste Stationen Renaissance und Humanismus, Reformation und Aufklärung sind. Zwar setzt die Kirche gerade der Aufklärung, genauer: bestimmten Strömungen der Aufklärung, ihren entschiedenen Widerstand entgegen. Doch dies ändert nichts an dem Umstand, dass selbst die Protagonisten der Aufklärung, für die die Entgöttlichung der Welt, die Unverfügbarkeit der Würde des Menschen als Person, seine Gleichheit und persönliche Freiheit selbstverständlich geworden sind, Erben christlicher Weltwirkung sind. Indes leistet das Christentum nicht nur in historischer Perspektive Wirkmächtiges für die Grundlagen des freiheitlichen Verfassungsstaates, sondern auch in gegenwarts- und zukunftsbezogener Perspektive. Das gilt zunächst für die Regeneration von Verfassungskonsens und Rechtsgehorsam. So stärkt es auf der einen Seite die generationenübergreifende Erneuerung der gesellschaftlichen Akzeptanz wesentlicher Verfassungsinhalte. Zu ihnen zählen neben säkularer Staatlichkeit und unantastbarer Menschenwürde auch moderne Gleichheits- und Freiheitsrechte, deren genuin christlichen Gehalt die Kirche heute, nach erfolgter Aussöhnung mit der Aufklärung, erkennt und die sie gegen totalitäre Ansprüche verteidigt. Auf der anderen Seite gibt das Christentum mit seiner biblischen Begründung des Rechtsgehorsams der weltlichen Macht eine neue Grundlage. Auf diese Weise befördert es die freiwillige Befolgung des staatlichen Rechts, die für die Realisierung des Verfassungsstaates aufs Ganze gesehen unerlässlich ist.

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