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Gastbeitrag: Soziale Netzwerke : Gefahr für die Vielfalt?

  • -Aktualisiert am

Bild: Greser & Lenz

Eine offene Gesellschaft braucht Meinungsvielfalt. Die ist jedoch durch digitale Plattformen bedroht, die herrschende Ansichten verstärken.

          5 Min.

          Bei Facebook wurde vor einigen Wochen von einem Mitarbeiter offenbar die Frage gestellt, welche Verantwortung das soziale Netzwerk habe, einen Präsidenten Trump zu verhindern. Die Frage illustriert die Bedeutung digitaler Plattformen für die Meinungsbildung - denn in der Tat könnte eine Modifikation der auf Facebook angezeigten Nachrichten(reihenfolge) Wahlen beeinflussen. Einen möglichen Einfluss stellte (implizit) auch Facebook nicht in Abrede, als das Unternehmen seine neutrale Rolle hervorhob: Es werde seine Produkte nicht in einer Art nutzen (und habe dies auch nicht getan), die Einfluss auf individuelle Wahlentscheidungen zu nehmen versucht. Dann wurde aber der Vorwurf ehemaliger Mitarbeiter kolportiert, Facebook habe in Amerika die „Trending Topics“ zu Lasten von republikanischen Politikern zusammengestellt. Facebooks Dementi beruhigte die Diskussion kaum - woraufhin das Unternehmen seine Leitlinien offenlegte. Die vorgebliche Neutralität schwand damit ins Reich der Illusion. Vielmehr belegen die Leitlinien, dass Facebook eine quasi-redaktionelle Endkontrolle der algorithmisch ermittelten Trend-Nachrichten vornimmt - so etwa bei der in den Leitlinien beispielhaft abgebildeten Meldung über Papst Franziskus’ Stellungnahme zu Trump („Ich sage nur, dieser Mann ist kein Christ, wenn er solche Dinge sagt.“).

          Die Möglichkeit zur Einflussnahme auf die Meinungsbildung resultiert aus der Konzentration von Daten und Nutzern bei bestimmten Anbietern. Denkt man unwillkürlich an Bevorzugung und Unterdrückung von Meinungen, ist zu bedenken: Technik und Medien sind schon im Ausgangspunkt nicht neutral - richtigerweise können und sollen Medien das mit Blick auf ihre rechtlich abgesicherte Tendenzfreiheit auch gar nicht sein. Auswahl und Steuerung von Informationen sind somit kein Ausnahmefall, sondern vielmehr notwendiger Alltag (nicht nur) im Internet. Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass der über solche kanalisierenden Intermediäre erfolgende Zugang zu Informationen ein weltweiter Wohlstands- und Bildungsfaktor ist - Beschränkungen des Zugangs in autoritären Staaten machen dies nur zu deutlich.

          Nichtsdestotrotz beeinflussen digitale Intermediäre zwangsläufig die Informationswahrnehmung der Nutzer. Eine Kanalisierung ist hierbei grundsätzlich durchaus erwünscht und sinnvoll: Suchmaschinen und Medienportale offerieren in Anbetracht der Informationsfülle eine populäre und oft hilfreiche Dienstleistung. Dabei gilt: Welche Inhalte und Meinungen - welche Welt - wir im Internet finden und wahrnehmen, bestimmt sich (auch diesseits von gezielten Eingriffen) vor allem anhand von Such- und Auswahlalgorithmen. Der „Herr“ über den Algorithmus ist zu einem guten Teil „Herrscher“ über die Meinungsbildung der Kunden: Wer den jeweiligen Algorithmus konfiguriert, trifft wesentliche Wertungsentscheidungen über die angezeigten Informationen. Das gilt zum Beispiel für die heikle Frage, was für Treffer bei Eingabe des Suchworts „Suizid“ aufgelistet werden.

          Die Such- und Auswahlalgorithmen orientieren sich vielfach vor allem an der von den Betreibern selbst definierten „Relevanz“. Soweit sich die Relevanz regelmäßig an Mehrheitspräferenzen ausrichtet, bedeutet dies eine sich selbst verstärkende Verzerrung zugunsten von beliebten Inhalten. Auf Wahlkämpfe übertragen folgt hieraus, dass ein entsprechender Algorithmus die zu Beginn des Wahlkampfs bestehende Mehrheitsmeinung begünstigt. Tendenziell positiv könnte sich das etwa für die Befürworter eines Verbleibs Großbritanniens in der EU auswirken: Denn zum Zeitpunkt der Ankündigung der Brexit-Abstimmung im Februar lagen die Befürworter in den Umfragen knapp vorne.

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