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Gastbeitrag : Solidarität wofür?

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Dieser wie manch anderer Unterschied wird von religionsfernen Aufklärern gern verwischt, wenn sie versuchen, eine historische Pattlage an Gewalttaten unter den Großreligionen zu errechnen (unter Ausblendung säkularer Gewalttaten, die der Aufklärung in der Dialektik ihrer Tendenzen entsprungen sind). Gutmeinende Laienexegeten des Korans bemühen sich, aufklärungskompatible Sprüche aufzudecken. Doch die lebenspraktische Wirkung der Religionen ergibt sich allerdings weniger aus den Texten der heiligen Bücher als aus den Vorstellungen der Gläubigen über die Gründergestalten: hier der gekreuzigte Sohn Gottes, dort der kriegerische Prophet. Das gibt kein Argument wider die Integration des Islam in die westliche Gesellschaft, wohl aber ein Argument für die Schwierigkeit der Aufgabe, dass sich diese Religion in diese Gesellschaft fügt. Die Aufgabe müssen die muslimischen Zuwanderer aus eigener Kraft erfüllen. Der säkulare Staat kann sie ihnen nicht abnehmen. Die pluralistische Gesellschaft sollte sie ihnen aber nicht schwerer machen, als sie schon ist. Sie täte auch gut daran, die Muslime nicht in der Lebenslüge zu bestärken, dass zwischen Islam und Islamismus keinerlei Zusammenhang bestehe. Immerhin kann sich in der muslimischen Welt jederzeit der gewaltgeneigte Volkszorn der Massen, nicht nur der islamistischer Eliten, entflammen, wenn Imame befinden, dass der Westen den Islam beleidigt habe, wie einstmals durch dänische Karikaturen oder durch ein unliebsames Zitat in einer Papstrede oder heute durch das Bild Mohammeds in „Charlie Hebdo“.

Die westliche Gesellschaft neigt ihrerseits dazu, die Palme des Märtyrertums den ermordeten Redakteuren des Pariser Satiremagazins zuzuteilen und ihnen als Märtyrern der Meinungs- und Pressefreiheit zu huldigen. Doch Märtyrer sind sie gerade nicht, sondern Opfer eines Verbrechens. Sie sind auch nicht im Kampf für die Pressefreiheit gefallen. Vielmehr wurden sie ermordet, weil Äußerungen ihrer Freiheit den Mördern ein Ärgernis waren. Gleichwohl traf der Stoß, den dieser gegen die Redakteure führten, letztlich die Sache der Freiheit überhaupt.

Die Freiheit des einen, sich in Wort und Bild zu äußern, gerät ohnehin leicht zum Ärgernis für den anderen. Daraus ergeben sich keine rechtlichen Grenzen. Die Grenzen liegen nicht in der Empfindlichkeit und nicht in der Überzeugung anderer, sondern nur in objektiven, allgemeinen, für alle gleichen Rahmenbedingungen, die ermöglichen, dass die Freiheit des einen neben der Freiheit des anderen bestehen kann. Wer an der Freiheit teilhat, muss die Zumutungen der praktizierten Freiheit des anderen ertragen. Das ist die ungeschriebene Grundpflicht, ohne deren Einhaltung Grundrechte nicht verwirklicht werden können.

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