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Gastbeitrag : Ohne Schutz

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Bild: Greser & Lenz

Wer arme Mandanten vertritt, kann nur schlechte Anwaltsarbeit leisten, oder er kann von seinem Beruf nicht leben. Das nützt dem Staat.

          5 Min.

          Auf dem 63. Anwaltstag in München geht es um die „Kunst, Anwalt zu sein“. In der Fachpresse wird gefragt: Was ist ein guter Anwalt? Das allerdings wirft auch die Frage nach dem Gegenteil auf: Gibt es auch den Anwalt, der nicht gut ist?

          Die Theorie sagt: Ihn kann es gar nicht geben. Rechtsanwalt kann nämlich nur sein, wer das Zweite Juristische Staatsexamen bestanden und damit die „Befähigung zum Richteramt“ erlangt hat. Alle Rechtsanwälte sind potentielle Richter. Sie sind „Volljuristen“ im ganzen vollen Klang dieses Wortes. Der Staat hat sie in einer noch immer exorbitant langen Ausbildung sorgsam ausgewählt: also müssen alle Anwälte einfach „gut“ sein. Dieser so schönen Theorie steht jedoch die harte Wirklichkeit gegenüber. Viele Juristen haben eine Ausbildung hinter sich, bei der sie einen bequemen Weg gingen und weder Grundlagen noch Berufsrealität wirklich kennengelernt haben. Der Staat selbst versieht die große Mehrheit aller Abgänger mit der Note „ausreichend“. Also werden viele Anwalt, ohne Anwalt gelernt zu haben. Juristenausbildung statt Anwaltsausbildung: der Anwaltsberuf hat sich dem Lauf der Zeiten angepasst, sein Ausbildungsweg nicht.

          Die Ausbildung ist die eine Seite, der explosionsartige Anstieg der Anwaltszahlen die andere. Anwälte gibt es überall und an jeder Ecke: zu Beginn der Berufstätigkeit des Verfassers dieser Zeilen gab es keine 30000 Anwälte, heute sind es fast 160000. Aber hat jeder genügend Mandate? Das ist offenkundig nicht der Fall, wenn man die Einkommensstatistiken ansieht. Ein nicht geringer Teil der Anwälte hat ein (zu versteuerndes!) Monatseinkommen von weniger als 2000 Euro; und viele erzielen ihr Einkommen gar aus berufsfremden Tätigkeiten. Sicher, auch der junge Anwalt, der noch wenig Erfahrung hat, kann dem Mandanten mit Sorgfalt ein guter Anwalt sein. Es ist aber auch sicher: Letztlich führen nur Erfahrung und häufiger Einsatz auf dem gewählten Rechtsgebiet zu dem soliden Qualitätsstandard, den der Mandant bei der Wahl seines Anwalts im Auge hat.

          Ausbildungsdefizite und fehlende Bewährung in der Praxis: beide aufgezählten Ursachen potenzieren sich. Das Ergebnis ist zwangsläufig: es gibt natürlich auch Anwälte, die nicht „gut“ sind. Es wäre auch ein Wunder, wenn ausgerechnet die Anwaltschaft ausschließlich aus Heroen bestünde. Dieses Eingeständnis ist auch keine Nestbeschmutzung, wie oft unterstellt wird. Gottlob gibt es genügend Kreative, die trotz eines erstarrten Ausbildungssystems erkennen, dass letztlich nur der Erfolg hat, der selbst etwas aus sich macht. Gute Anwälte haben Fertigkeiten gelernt, die im Staatsexamen eher unwichtig sind - weniger parates Stoffwissen als die Fähigkeit, mit Menschen zu kommunizieren, um ihr Problem und ihre Interessenlage zu erkennen und ihnen die rechtlichen Möglichkeiten so zu vermitteln, dass sie eine verantwortliche Entscheidung selbst treffen können. Sie wissen, dass „herrschende Meinungen“ das Postulat in sich tragen, in Frage gestellt zu werden, wenn sie zu ungerechten Ergebnissen führen; dass Rechtsvorschriften höchst unterschiedlich ausgelegt werden können und es deswegen des Einsatzes der eigenen fundierten Grundanschauungen und ihrer Identität bedarf. Sie haben verinnerlicht, dass es nicht ausreicht, sich auf dem „Volljuristen“ auszuruhen - sondern dass nur ständige Neubefassung mit vermeintlich eingefahrenen Materien, nur dauernde Fortbildung, nur dauernde Stärkung der eigenen Fertigkeiten zu dem Ziel führt, welches der Mandant von einem guten Anwalt erwarten kann. Die „Kunst, Anwalt zu sein“, begleitet den Anwalt sein Berufsleben lang als immer neue Aufgabe. Sie bewältigen aber leider nicht alle Anwälte.

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