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GASTBEITRAG: Migrationskrise : Mehr Respekt bitte!

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Die Ära der lateinamerikanischen Einwanderung in die Vereinigten Staaten hat offensichtlich mit der geographischen Lage zu tun. Das Land hat eine 3144 Kilometer lange Grenze mit Mexiko. Deutschlands Lage nunmehr im Herzen eines friedvollen und wohlhabenden Europas hält unkontrollierte Wellen international Schutzsuchender nicht ab. Ein weiterer geographisch bedingter Unterschied in der transatlantischen Debatte ist der folgende: Die Migranten aus Lateinamerika, die sich von Uncle Sam angezogen fühlen, sind meist Teil der westlich-europäischen Tradition und Kultur. Abgesehen von der zunehmenden Verbreitung der spanischen Sprache, die sich als Hindernis für Aufnahme und Integration in die amerikanische Zivilgesellschaft erweist, ist die soziale Distanz, welche diese Migranten überwinden müssen, um in der amerikanischen Gesellschaft anzukommen, weitaus kürzer und unproblematischer als der Weg über die Grenze. Demgegenüber sind die zum Teil unterschiedlichen Wertevorstellungen der Menschen, die aus mehrheitlich muslimischen Ländern in die europäischen Staaten fliehen, eine größere Herausforderung. Manche dieser Werte und Sozialnormen kollidieren mit Europas moderner und freiheitlicher Einstellung. Geschlechtergleichheit scheint dabei die offensichtlichste und problematischste Kluft zwischen europäischen Werten und der Weltanschauung vieler Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten und Nordafrika zu sein. Jenseits dieses Symptoms sind es aber vielleicht eher die westlichen Traditionen von Toleranz und Pluralismus, die in Gefahr sind: Besteht dann Raum, um diejenigen zu tolerieren, die den Akzeptanzkurs nicht akzeptieren?

Ein weiterer Unterschied besteht im administrativen Umgang mit Migranten, wenn sie in Europa und in den Vereinigten Staaten angekommen sind. Amerika beheimatet eine undokumentierte Subpopulation in der Größe Belgiens. Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe leben versteckt, aber dennoch für jedermann sichtbar. Sie verrichten undankbare und unterbezahlte Arbeit, zahlen (üblicherweise) Steuern und schicken ihre Kinder auf amerikanische Schulen. Viele sind illegale Einwanderer, die nur dann in „Freiheit“ leben können, wenn sie sich vor dem Staat verstecken. Ausländer in Deutschland hingegen laufen eilig in die Arme des Staates. Die aus amerikanischer Sicht großzügige soziale Unterstützung, welche den Flüchtlingen schon ab Antragstellung zugutekommt, ist einer der Faktoren, die Deutschland als Fluchtziel attraktiv machen. Genau das kennzeichnet eine verblüffende Ironie: Obwohl Amerika sich als Einwanderungsland versteht, geht die migrationspolitische Idealvorstellung dahin, dass Millionen illegaler Immigranten, während sie auf ihre Abschiebung warten, sich in gefängnisähnlichen Einrichtungen aufhalten sollen. Die Migration nach Deutschland hingegen mit seinem zögerlichen Selbstverständnis als Einwanderungsland beinhaltet die Unterstützung Hunderttausender Schutzsuchender mit starkem sozialem Beistand und relativer Freiheit für die Dauer der Bearbeitung der Asylanträge.

Was ist die Lektion aus alledem? Klar ist, dass es für den Westen in Zeiten wachsenden Misstrauens gegenüber dem anderen und des Rückzugs in partikulare Staatlichkeit keine gemeinsame Antwort geben kann. Wir haben unterschiedliche Zugbrücken, egal ob offen oder geschlossen. Auch die Gesellschaften hinter diesen Zugbrücken sind – ebenso wie diejenigen, die an der Pforte stehen – grundlegend verschieden. Dies zunächst in den transatlantischen Beziehungen zu verstehen ist eine Aufgabe, die gegenseitigen Respekt und „hospitality“ erfordert. Sicherlich sind dies die gemeinsamen Fähigkeiten, die wir nun am meisten brauchen, um unsere sehr unterschiedlichen Migrationskrisen zu bewältigen.

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