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Gastbeitrag : Kultur der Kumpanei

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

In wohl keinem anderen Fach werden Doktoranden so systematisch zum Regelbruch verleitet wie in der Rechtswissenschaft. Fehlverhalten wird vorgelebt.

          5 Min.

          Für die deutsche Rechtswissenschaft ist es Zeit, vor der eigenen Türe zu kehren. Zunächst schien es, als habe die Causa zu Guttenberg sich mit dem Entzug des Doktortitels auch für sie erledigt: Kollegen saßen einem wissenschaftlichen Hochstapler auf. Das ist bedauerlich, kann aber passieren. Die wissenschaftliche Selbstkontrolle griff, wenn auch spät, als ein Rezensent das Plagiat entlarvte. Mit dem Rücktritt wurden schließlich, unter gehörigem Druck eines Teils der Gesellschaft, auch politische Konsequenzen gezogen. Die moralische Erwartung, dass frisch ertappte Missetäter untaugliche politische Repräsentanten sind, wurde stabilisiert. Haben wir es also nur mit einem bedauerlichen Einzelfall zu tun?

          Ganz so einfach kann es sich die Rechtswissenschaft nicht machen. Zunächst irritiert weniger die späte Aufdeckung des Betrugs als die Bewertung der Arbeit. Wie eine mäandernde Dissertationsschrift ohne Fragestellung und ohne These mit der Höchstnote ausgezeichnet werden kann, bleibt ein Rätsel - oder besser: sollte eines bleiben. Denn wenn die Arbeit wirklich zum Besten gehören würde, was der juristische Diskurs über die europäische Konstitutionalisierung hervorgebracht hätte, sollten wir diesen besser aufgeben.

          Aber auch dies wäre vielleicht nicht der Rede wert, hätte man den Eindruck, dass der Skandal nur zufällig in der Rechtswissenschaft passierte. Leider spricht eine Fülle von Indizien dagegen: Die Rechtswissenschaft weist im Vergleich zu anderen Geistes- und Sozialwissenschaften eine hohe Zahl externer Doktoranden auf. Nun dient die berufsbegleitende Promotion im Idealfall dem Kontakt zwischen Wissenschaft und Rechtspraxis. Mancher Anwalt oder Richter hat eine wissenschaftlich interessantere Promotion verfasst als viele Professoren. Doch extern Promovierende werden nicht immer vom Forschergeist inspiriert. Häufig motiviert sie die Aussicht auf höhere Bezahlung in der Kanzlei oder gesellschaftlichen Reputationsgewinn für eine politische Karriere. Wem es aber an wissenschaftlicher Neugier mangelt, dem fehlt schnell auch der Sinn für wissenschaftliche Regeln. Deshalb erfordert das Instrument der externen Promotion eine besondere Sorgfalt bei der Auswahl, Betreuung und Korrektur. Wer, wie mancher Kollege, 30 oder mehr Doktoranden hat, kann dies nicht leisten. Hinzu kommt die Gefahr der Selbstkorrumpierung. Für die Rechtswissenschaft, zumal das Verfassungsrecht, ist es jedenfalls nicht ganz untypisch, dass die Nähe zur politischen Macht mit wissenschaftlicher Anerkennung verwechselt oder gar bewusst getauscht wird.

          Die Rechtswissenschaft zeichnet sich zudem durch einen eher laxen, zuweilen schlicht skandalösen Umgang mit wissenschaftlichen Sorgfaltsregeln aus. Volker Rieble hat zahlreiche Fälle in seinem Buch „Das Wissenschaftsplagiat“ benannt. Besonders traurig ist es, dass Fehlverhalten vorgelebt wird. Genaue Zahlen liegen nicht vor, doch wohl in keinem anderen Fach werden Doktoranden so systematisch zum Regelbruch verleitet wie in der Rechtswissenschaft. Manche Lehrstühle sind - fakultätsbekannt - veritable Schreibwerkstätten, in denen eine Horde von Mitarbeitern am Fließband Aufsätze, Kommentierungen und ganze Bücher für den Lehrstuhlinhaber produziert. Urheberrechtlich ist eine solche Aneignung fremder Texte mit Einwilligung der wahren Autoren erlaubt. Doch stellt sie einen eklatanten Verstoß gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis dar. Während andere Disziplinen, auch mit Hilfe der Wissenschaftsorganisationen, massiv gegen solche Praktiken vorgegangen sind (etwa bei der sogenannten „Ehrenautorenschaft“ in der Medizin), wird das Problem in der Rechtswissenschaft tabuisiert, ja häufig wird der Regelbruch sogar prämiert, wenn Fakultäten die Quantität der Publikationen für die interne Mittelverteilung heranziehen. Und auch jenseits der offensichtlichen Fälle des Wissenschaftsbetrugs weist die Rechtswissenschaft spezifische Probleme auf. Es dominieren plagiatsgeneigte Publikationsformen wie Kurz-Lehrbücher oder Kommentare, in denen schon das Genre selbst Innovationen oder wissenschaftliche Eigenheiten ausschließt. Weil im zehnten Grundgesetz-Kommentar nichts Neues mehr stehen kann, ist es in der Sache auch egal, wenn man ihn aus dem fünften bis neunten zusammenschreibt. Der gegen null gehende Erkenntniswert dieser Publikationen steht in einer eigentümlichen Korrelation zu ihrer Verbreitung.

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