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Gastbeitrag : Die Vermessung der Geschichte durch Gerichte

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Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Die Vergangenheit ist in Bewegung. Richter können historische Ungerechtigkeiten nicht lösen. Doch dürfen andererseits Einzelfälle nicht aus dem Zusammenhang gelöst werden.

          5 Min.

          Die Vergangenheit lässt sich, allen Mühen um Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur zum Trotz, nicht bändigen, zähmen, einhegen und eingrenzen. Scheinbar Vergessenes wird nach Jahrzehnten wieder ans Licht geholt und beschäftigt nicht nur Historiker und Archivare, sondern auch die Gerichte - und eine erstaunte, neugierige und emotionale Öffentlichkeit. So werden die Taten von sowjetischen Partisanen im Baltikum im Jahr 1944 in einem neuen Gerichtsverfahren, das 1998 in Lettland beginnt und erst 2010 in Straßburg endgültig endet, abgeurteilt, wobei zunächst die Täter, sodann aber die Richter selbst vor Gericht stehen. Details der Niederschlagung des ungarischen Aufstands im Jahr 1956 werden Gegenstand eines Strafverfahrens; auch dies führt bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Nicht eingelöste Versprechen auf Entschädigung bei der Vertreibung ganzer Völkerschaften werden mit Blick auf Menschenrechtsverletzungen thematisiert. Kinder und Enkel von Opfern verlangen Entschädigungen von den Nachfahren der Täter. Ihre Sorgen beschäftigen die Staaten; die Streitigkeiten führen, wie im Fall der Erschießung griechischer Geiseln durch die SS in Distomo, bis zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Die europäische Geschichte wird in Bewegung gebracht und scheint mit Hilfe des Rechts neu vermessen zu werden.

          Ähnliches lässt sich auch mit Filmen erreichen, man denke nur an die Wirkung des Filmes „Das Massaker von Katyn“ von Andrzej Wajda, der zunächst in Polen und in Westeuropa sowie nach der Flugzeugkatastrophe in Smolensk auch in Russland ausgestrahlt wurde. Möglich sind auch literarische Darstellungen, die Geschichte neu entdecken, etwa Günter Grass' Autobiographie „Beim Häuten der Zwiebel“, die das in der „Blechtrommel“ Erzählte in einem neuen Licht erscheinen lässt. Auch der Bau oder Abriss von Denkmälern wirft die Frage nach der Deutung von Geschichte auf; der Streit um Wiederaufstellung der Büste von Felix Dzerzinskij vor dem Hauptgebäude des Geheimdienstes an der Lubjanka in Moskau ebenso wie die Verlagerung eines sowjetischen Kriegerdenkmals vom Zentrum der Stadt Tallinn in einen Friedhof sind dafür beredte Beispiele.

          Film, Literatur, Kunst, Geschichtsschreibung bieten je spezifische Möglichkeiten an, Geschichte wieder lebendig zu machen. Die Wahl des Mediums präjudiziert nicht die Art der Aussage: möglich sind gleichermaßen einlinige Narrationen mit erhobenem Zeigefinger unter dem Motto „So war es in Wirklichkeit“ wie auch facettenreiche und differenzierende Darstellungen, die wie Pilatus zweifelnd fragen „Was ist Wahrheit?“ und bewusst eine Antwort schuldig bleiben.

          Und die Gerichte? In jedem Prozess gibt es, wird nicht ein Vergleich erzielt, Sieger und Verlierer. Einer bekommt recht. Und das hat Konsequenzen. Es wird eine Gefängnisstrafe verhängt, Eigentum ist herauszugeben, ein Anspruch ist zu befriedigen. Was auch immer im Streit war, kann zur Not mit staatlicher Gewalt durchgesetzt werden. Damit scheint auch die historische Wahrheit im Prozess objektiv festgestellt zu werden.

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