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Gastbeitrag: Adelsbezeichnung : Weniger erlauchte Namen

  • -Aktualisiert am

Wenn also Frau Gräfin von Hinckelstein Herrn Müller heiratet, kann dieser den Namen seiner Frau annehmen; er heißt dann „Graf von Hinckelstein“. Zum historischen Adel gehört er damit nach dessen Konventionen aber nicht. Führen die beiden ihre bisherigen Namen fort und geben ihren gemeinsamen Kindern den Namen der Mutter, dann heißen diese „Graf von Hinckelstein“ oder „Gräfin von Hinckelstein“. Zum historischen Adel gehören die Kinder damit aber ebenfalls nicht. Sind Frau Gräfin von Hinckelstein und Herr Müller nicht verheiratet, haben gemeinsame Kinder und üben das Sorgerecht gemeinsam aus, dann können sie den Namen der Mutter zum Namen des Kindes bestimmen; es heißt dann „Graf von Hinckelstein“ oder „Gräfin von Hinckelstein“. Nach überkommenem Adelsrecht gehörte das nichteheliche Kind dagegen nicht zum Adel und durfte keine Adelsbezeichnung führen.

Spätestens seit es das moderne Namensrecht gibt, werden die Adelsbezeichnungen damit mehr und mehr zum „Etikettenschwindel“: Während immer noch große Teile der Bevölkerung glauben (wollen), wer eine Adelsbezeichnung führe, gehöre auch dem historischen Adel an, trifft dies tatsächlich immer weniger zu. Das moderne Namensrecht hat dazu geführt, dass das Anliegen des Artikel 119 Absatz 3 Satz 2 WRV, dem Adel seine Adelsbezeichnungen zu belassen (nicht sie zu vermehren), immer weniger erreicht werden kann. Sogar Adelsverbände sprechen von einem „Namensproblem“. Wie aber könnte die Lösung des Problems aussehen? Zum einen könnte man auf eine „Selbstheilung“ setzen. Je mehr Träger von Adelsbezeichnungen es gibt, die nicht dem Adel als sozialer Gruppe im überkommenen Sinne angehören, desto weniger Menschen werden sich durch die Adelsbezeichnung im Namen täuschen lassen. Salopp formuliert: Man vertraut einfach darauf, dass es sich herumsprechen wird: Wo Adel „draufsteht“, ist vielfach kein historischer Adel (mehr) „drin“. Zum anderen könnte der Gesetzgeber die Adelsbezeichnungen für die Zukunft einfach aufheben, im Sinne einer Gleichheit aller Staatsbürger. Der Europäische Gerichtshof hat 2010 jedenfalls entschieden, dass Österreich es aus diesen grundlegenden Erwägungen der öffentlichen Ordnung ablehnen darf, den an einen früheren Adelstitel erinnernden Bestandteil des Familiennamens, wie er von einer österreichischen Staatsbürgerin in Deutschland durch Adoption erworben worden war, anzuerkennen. Die Angehörigen des historischen Adels, der ja auch nur eine soziale Zuschreibung ist, werden dadurch nicht daran gehindert, ihre Adelsbezeichnungen nach ihren Vorstellungen weiterzuführen. Es besteht keine allgemeine Verpflichtung, den „richtigen“ (registrierten) Namen zu führen. So finden sich schon heute auf der Website von Adelsverbänden Namensführungen entsprechend „Graf Otto von Hinckelstein (statt Otto Graf von Hinckelstein) oder Zusätze wie „S.D. („Seine Durchlaucht“). Es gibt im Übrigen für niemanden ein strafrechtliches Verbot zur Führung von „Adelstiteln“, nur gegenüber Behörden muss man seinen „registrierten“ Namen angeben, zur korrekten Identifizierung. Ohnehin dürfte sich der Reformeifer des Gesetzgebers aller Erfahrung nach in Grenzen halten.

Dr. Karl Friedrich Dumoulin hat sich in seiner Dissertation mit der Adelsbezeichnung im deutschen und ausländischen Recht befasst. Er ist als Rechtsanwalt auf dem Gebiet des Wirtschaftsrechts in Düsseldorf tätig.

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