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Flüchtlingskrise : Das kostbare Recht auf Rückkehr

  • -Aktualisiert am

Bild: Greser & Lenz

Viele deutsche Vertriebene wollten in ihre Heimat zurück. Heute ist das geltendes Recht - und doch ist fast nur noch von Integration die Rede.

          Zu den Unterschieden zwischen dem aktuellen Flüchtlingsdrama und der Lage der deutschen Heimatvertriebenen nach 1945 zählt nicht zuletzt ein Paradoxon: Damals war die Frage der Rückkehr der Millionen Deutschen aus dem Osten, die es in die westlicheren Teile ihres Vaterlandes verschlagen hatte, über viele Jahre, ja Jahrzehnte eines der großen Themen der vertriebenenpolitischen Debatte. Im Flüchtlingsdiskurs heute ist dagegen fast nur von der Integration und von ihren Herausforderungen die Rede. Der Unterschied mutet umso seltsamer an, als es damals um die vergleichsweise einfachere Aufnahme von sprachlich und kulturell eng verwandten Gruppen ging und nicht um Flüchtlinge aus oft völlig anderen kulturellen und religiösen Milieus.

          Gewiss, 1945 wusste man, dass der Krieg definitiv zu Ende war, während heute im Nahen Osten ein Ende der militärischen Auseinandersetzungen noch nicht in Sicht ist. Doch man muss auch sehen, welche Zustände nach 1945 in jenen Gebieten herrschten, die bis dahin jahrhundertelang Heimat der vertriebenen Deutschen gewesen waren: Kommunismus, Misswirtschaft und Mangel an elementarsten Menschenrechten. Insofern war das Ziel der Rückkehr für viele Ostdeutsche immer mit der Erwartung verknüpft, dass vorher die kommunistischen Diktaturen überwunden werden müssten.

          Gemessen an dieser schwierigen Konstellation, war der Rückkehrwunsch erstaunlich stark. Das „Recht auf die Heimat“ wurde gefordert, sobald dies den Betroffenen unter den Verhältnissen der alliierten Besatzungsherrschaft und des sogenannten Koalitionsverbotes möglich schien, spätestens dann eindrucksvoll und vernehmlich in der Stuttgarter Charta der Heimatvertriebenen 1950: „eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit“. Die Forderung war in den 1950er Jahren noch kein allgemein anerkannter Völkerrechtstitel; doch das „Recht auf die Heimat“ und das hieß vor allem auch immer: auf die Rückkehr dorthin, gehörte seit den 1960er Jahren zu den wichtigsten Kapiteln im politischen Katechismus der Landsmannschaften. Abgeleitet wurde es wenn nicht aus dem Naturrecht, so doch aus mehreren Sätzen des positiven Völkerrechts.

          Noch zehn Jahre nach Flucht und Vertreibung ermittelte 1956 eine Emnid-Umfrage bei 57 Prozent der Ostdeutschen die „bedingungslose“ Bereitschaft zur Rückkehr in die alte Heimat; weitere 22 Prozent knüpften diese Bereitschaft an bestimmte Bedingungen, womit zumeist andere politische Verhältnisse gemeint waren. Das bedeutete aber nichts anderes, als dass drei Viertel der Befragten die neue Heimat noch immer gerne gegen die alte eingetauscht hätten, und das obwohl die Integration unter den Vorzeichen des Wirtschaftswunders bereits kräftig voranschritt. 1958 gründeten einige Landsmannschaften sogar eigens eine „Arbeitsgemeinschaft für Rückkehrplanung“.

          Das alles ist umso bemerkenswerter, als die Frage der Rückkehr der deutschen Vertriebenen schon damals das Problem aufwarf, dass in den um 1945 verlassenen Gebieten nunmehr oft Polen, Tschechen und andere lebten, die von den Regierungen ihrer Staaten gezielt dort angesiedelt worden waren. In dem - auch bei diesem Thema keineswegs „revanchistischen“ - Bund der Vertriebenen setzte sich deshalb in den 1960er Jahren die Überzeugung durch, dass eine neuerliche Vertreibung von nunmehr in den Vertreibungsgebieten lebenden Menschen kein Ziel deutscher Politik sein dürfe. Der Raum solle vielmehr nach Rückkehr jener Deutschen, die das wünschten, in einer europäischen Friedensordnung der Zukunft gemeinsam bewohnt werden. In einigen der fraglichen Regionen war dies ohnehin schon vor 1945 der Fall gewesen.

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