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Hemmschuh „Flickenteppich“? : Ein Wortgespenst geht um in Deutschland

  • -Aktualisiert am

Deutschland und Europa nach dem Westfälischen Frieden von 1648. Bild: Picture-Alliance

Das Gerede vom „Flickenteppich“ in Corona-Zeiten zeugt von Ignoranz. Die größten Staatsphilosophen der Aufklärung orientierten sich am deutschen Föderalismus. Er ist ein Vorbild für die Welt. Ein Gastbeitrag.

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          Derzeit mehren sich die Stimmen, die den Föderalismus als entscheidenden Hemmschuh bei der Bewältigung der jetzt anstehenden Aufgaben kritisieren: Um die Ausbreitung des Coronavirus wirkungsvoll zu kontrollieren, hört man, könnten wir es uns einfach nicht länger leisten, in den deutschen Ländern und Freistaaten uneinheitliche Maßnahmen in jeweils unterschiedlicher Geschwindigkeit durchzuführen. Ein Wortgespenst geht wieder einmal um in Deutschland – durch die Medien geistert der Schmähbegriff „Flickenteppich“, mit dem die bundesstaatliche Verfasstheit Deutschlands herablassend gescholten wird.

          Seine politische Prägung erhielt dieses Wort in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als das mit „Blut und Eisen“ geschmiedete, von Preußen dominierte Bismarck-Reich sich vor der Geschichte zu legitimieren suchte. Das Deutsche Reich von 1871 verfügte über eine stark zentralistische Ausrichtung. So gab es gleichförmige preußische Provinzen von Schleswig-Holstein bis Württemberg-Hohenzollern, vom Niederrhein bis Oberschlesien, und sie alle folgten Weisungen aus Berlin. Die Verteidiger der neuen Ordnung fanden das ideal, weshalb sie das ältere deutsche Reich, das doch vom Mittelalter bis 1806 in einer ausbalancierten föderalen Struktur existiert hatte, nachträglich als „buntscheckig“ abtaten – oder eben als „Flickenteppich“ verunglimpften. Zur Illustration dieser Saga wurden für Schulbücher nun farbig-zersplitterte Landkarten entworfen, die das angebliche Flickwerk des älteren Reichs in schockierender Weise vor Augen führten.

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