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Europa : Neu entstanden aus Katastrophen

Bild: Greser&Lenz

Erzählungen: Roman Herzog und die Mongolen, Angela Merkel und die Varusschlacht, die Söhne Mesopotamiens und die Zivilisation, Seine Majestät, der König der Belgier, und die europäische Effizienz.

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          Im September 1995 begann der erste frei gewählte Präsident der Mongolei seine erste Europareise - bei „uns“ in Deutschland, wie Bundespräsident Roman Herzog damals bei einem festlichen Abendessen in der Villa Hammerschmidt in Bonn sagte. „Die Menschen Ihres Landes, Ihre Geschichte faszinieren uns Deutsche . . . Gegensätze ziehen sich an.“ Das mache einen Teil der deutsch-mongolischen Freundschaft aus. „Den anderen Teil“, so das deutsche Staatsoberhaupt weiter, „erklärt der Blick weit zurück in die Geschichte, als Ihr Volk, Herr Präsident, uns 1241 bei Liegnitz staunendes Fürchten lehrte. Seither ranken sich bei uns viele Legenden um die mächtigen Herrscher der Mongolei, um ihre wagemutigen und furchtlosen Menschen, um die weltweit bestaunten Meister der Reitkunst und um die hohe mongolische Kultur.“

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Man wüsste gern mehr von jenem Abend in Bonn. Schließlich fuhr Herzog fort, der Besuch lasse „diese historischen Erinnerungen aufleben“. Zur Erinnerung: In der Schlacht bei Liegnitz besiegte am 9. April 1241 ein mongolisches Heer eine polnisch-deutsche Streitmacht. Auf dem Weg zum Ufer der Oder lag nur noch das Herzogtum Schlesien zwischen Mitteleuropa und den Mongolen. Das mongolische Heer war mit mehr als 10 000 Reitern weit überlegen. Trotz ihres Sieges auch über die Ungarn drangen die Mongolen nicht weiter nach Westen vor, möglicherweise weil der Großkhan starb und die Erbfolge unklar war. Vermutlich zogen die mongolischen Anführer ab, um einen neuen Herrscher zu wählen.

          Auch wenn also womöglich das Abendland eher zufällig gerettet wurde: Bemerkenswert bleibt, dass der Bundespräsident mehr als 700 Jahre nach jener Schlacht noch davon redet, dass die Mongolen „uns“ das Fürchten gelehrt hätten. Damit widerlegte er ein neues, altes Vorurteil: Schließlich wurde und wird alle deutsche Geschichte vor 1933 zur Vorgeschichte des „Dritten Reiches“ und damit zur Nichtgeschichte. „Die Einsicht über den Zivilisationsbruch Hitlers wurde zeitlich zurückgelegt“, schrieb etwa Karl Heinz Bohrer schon vor Jahren. Mit der Diskussion über die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg „begann die Reduktion von deutscher Geschichte auf Schuldgeschichte“. Demnach herrschte eine „moralisierende Verneinung“ und eine Europa-Utopie, verbunden mit der Obsession, den deutschen Nationalstaat verschwinden zu sehen.

          Wozu, so wird immer noch gefragt, brauchen wir heute noch Mythen? Haben wir überhaupt noch welche - und haben sie nicht ins Verderben geführt? Herfried Münkler hat darauf hingewiesen, dass keine der „Nationalmythen“ - Barbarossa, Nibelungensage sowie der Faustische Teufelspakt - eine „Erfolgserzählung“ gewesen sei. Gleichwohl scheint auch Münkler nach einer mythischen Neufundierung der Republik zu suchen. Barbarossa im Kyffhäuser, Nibelungen, Faust, das klassische Weimar, Luther, Canossa - alles Mythen, die heute keine Kraft mehr haben?

          Schon Nietzsche schrieb, dass „selbst der Staat . . . keine mächtigeren ungeschriebenen Gesetze als das mythische Fundament“ kenne. Gibt es gar keine deutsche Erzählung mehr, keine Erzählungen jedenfalls, die weiter als 1945 zurückreichen? Bereits die häufige Befassung mit solchen Erzählungen im Jubiläumsjahr könnte dagegen sprechen. Aus vielen öffentlichen Reden mögen Mythen verschwinden, oder sagen wir aus den Reden der Öffentlichkeitsarbeiter.

          Doch sollte man sich davon nicht täuschen lassen - und einmal das Volk sprechen lassen:

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