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Europa in der Krise? : Was ist Europa?

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Europa lässt die Herzen kalt und ist doch eine Herzensangelegenheit. Es ist ein Paradoxon, dessen Wertekorsett in Gefahr ist. Zeit für eine Liebeserklärung.

          Ein Rätsel: Alle sprechen davon, und niemand weiß, was es ist. Es ist omnipräsent und doch nicht da. Es bewegt sich fortwährend und bleibt doch am selben Ort. Es lässt die Herzen kalt und ist doch eine Herzensangelegenheit. Es regelt alles und lässt doch alle Fragen offen. Des Rätsels Lösung ist offensichtlich. Es ist Europa. Nur, anders als bei anderen Rätseln, ist die Antwort keine Lösung, sondern eine Herausforderung.

          Erstes Paradoxon: Alle sprechen davon, und niemand weiß, was es ist. Das Wort „Europa“ lässt sich nicht auf eine Bedeutung verengen. Europa ist ein Stück Erde, eine vielschichtige Bürokratie und eine kulturelle Identität. Alles auf einmal. Einen hübschen Versuch der Beschreibung enthält das Büchlein des 1929 geborenen jüdischen Emigranten George Steiner „Eine gewisse Idee von Europa“. Für ihn ist Europa das Europa der Cafés, der „Orte der Begegnung und des Komplotts, der intellektuellen Debatte und des Geschwätzes“. In den Cafés von Mailand sieht er die Spuren von Stendhal, in Venedig von Casanova, in Paris von Baudelaire und in Wien von Freud. Europas Cafés seien anders als amerikanische Bars. In deren mattem Licht könne man kein Buch über Phänomenologie schreiben. Auch charakterisiere Europa ein Übermaß an Erinnerung: „Europa ist der Ort, an dem der Garten von Goethe fast an Buchenwald grenzt, wo das Haus von Corneille neben dem Marktplatz steht, an dem Jeanne d’Arc auf grässliche Weise ermordet wurde.“ Auch wenn wir auf diese und andere Weisen einzufangen vermögen, was Europa bedeuten kann, so bleibt doch nicht nur das Paradoxon, dass alle davon sprechen und niemand weiß, was es ist, sondern mehr noch, dass alle davon sprechen und jeder eine andere Vision hat.

          Zweites Paradoxon: Es ist omnipräsent und doch nicht da. Einer der vielen Identifikationstexte Europas mag Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ sein. Dies kann man übertragen und die Suche nach Europa als „Suche nach dem verlorenen Raum“ bezeichnen. Wo ist Europa? Auch hier wieder stoßen wir auf eine Erkenntnis, die nicht anders als paradox zu nennen ist: Das Europäische zeigt sich am deutlichsten daran, was nicht oder nicht mehr da ist. Dies gilt für die Grenzen; „europäisch sein“ bedeutet, keine Grenzen zu haben. Sicherlich, es gibt die Außengrenzen, die mehr und mehr mit allen Hässlichkeiten des Unzugänglichen und Abweisenden geschmückt werden. Hier holt die Vergangenheit uns mit Stacheldrähten und Schäferhunden ein. Aber der „Raum Europa“ ist das „Drinnen“, in dem wir uns nicht nur mühelos, sondern auch gedankenlos bewegen. Die Kontrollbeamten sind uns verlorengegangen. Es gibt Fundstücke des Europäischen, den Euro, das Europaviertel in Brüssel, die europäische Fahne, die mit ihren 12 Sternen Harmonie symbolisieren soll. Wir mögen uns auch an Urlaubsbegegnungen mit Europa erinnern, an Schilder auf Autobahnen in Portugal oder Wanderwegen in Bulgarien, auf denen geschrieben steht: „Gebaut mit Fördergeldern der EU“. Nicht sichtbar, aber fühlbar sind die europäischen Regelungen, sei es zu Produktsicherheit, Haftbefehlen oder internationalen Kindsentführungen. Es sind Regelungen hinter den nationalen Regelungen, deren auffälligstes Merkmal es ist, dass man sie in mehr als 20 Sprachen lesen kann. Sie sind eine omnipräsente Macht und bestimmen das Spiel, ohne sichtbar daran teilzunehmen.

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