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Anschläge in Sri Lanka : Spezialkräfte machen weiteren Sprengsatz unschädlich

  • Aktualisiert am

Eine Jesus-Statue nach einem Bombenangriff auf eine Kirche im sri-lankanischen Negombo. Bild: Reuters

Nach einer Serie von Anschlägen in Sri Lanka mit mehr als 200 Toten haben die Behörden acht Verdächtige verhaftet. Die Taten sollen von Selbstmordattentätern ausgeführt worden sein. Am Flughafen sorgte am Abend ein weiterer Sprengsatz für Aufregung.

          Wenige Stunden nach den Anschlägen auf Hotels und Kirchen in Sri Lanka ist nahe dem größten Flughafen des Inselstaates ein weiterer Sprengsatz entdeckt worden. Dabei habe es sich um eine Rohrbombe gehandelt, sagte der Sprecher der Luftwaffe, Gihan Seneviratne, am Sonntag der Onlineausgabe der lokalen „Sunday Times“. Eine Patrouille habe den Sprengsatz nahe dem Flughafen Bandaranaike gefunden, er sei von Spezialkräften in einem kontrollierten Bereich unschädlich gemacht worden.

          Bisher konnten acht Menschen mit mutmaßlicher Verbindung zur Anschlagsserie festgenommen werden. Bei den Verdächtigen handle es sich um Einwohner des Inselstaats, allerdings gingen die Behörden auch möglichen Verbindungen ins Ausland nach, sagte Regierungschef Ranil Wickremesinghe am Sonntag. Vorher hatte Polizeisprecher Ruwan Gunasekera gesagt, die Ermittler gingen derzeit Hinweisen nach, dass alle Anschläge von Selbstmordattentätern ausgeführt worden seien. Wie Wickremesinghe sagt, soll es auch schon lange vor den Explosionen Hinwiese auf die Anschläge gegeben haben. Sri Lankas Geheimdienst sei informiert gewesen. Es müsse nun untersucht werden, warum keine Maßnahmen ergriffen wurden, so der Regierungschef. An mehreren Tatorten hatten Augenzeugen berichtet, dass sich Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hätten. Gunasekera wollte diese Angaben mit Verweis auf laufende Ermittlungen aber nicht bestätigen.

          Bei der verheerenden Anschlagsserie auf christliche Kirchen und Hotels sind am Ostersonntag in Sri Lanka mehr als 215 Menschen getötet worden – darunter auch 32 Ausländer. Das berichtete die Tourismusbehörde des Landes am Sonntag. Dazu gehörten demnach Bürger Indiens, der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Portugals, Chinas, der Niederlande, Belgiens und der Türkei. Bei den koordinierten Explosionen wurden nach Behördenangaben außerdem mehr als 500 Menschen verletzt.

          Es gab mindestens acht Detonationen, darunter drei in Kirchen und drei weitere in Luxushotels. Vize-Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene sprach von einer „terroristischen Attacke“ und machte Extremisten für die Bluttaten verantwortlich. Die Verantwortlichen seien identifiziert, sagte er. Er verhängte eine landesweite Ausgangssperre bis zum frühen Montagmorgen. Die Regierung sperrte am Sonntag zudem vorübergehend den Zugang zu sozialen Medien.

          Trauer in Colombo: Die Gläubigen feierten gerade die Ostermesse, als eine Explosion die Kirche St. Antonius erschütterte.

          Der südasiatische Inselstaat mit seinen tropischen Stränden ist ein beliebtes Touristenziel, auch für Deutsche und andere Europäer. Dort hat es seit Jahren keinen größeren Anschlag gegeben. 2009 war dort ein Bürgerkrieg zu Ende gegangen.

          Explosionen gab es in zwei katholischen und einer Freikirche: in der St.-Antonius-Kirche in der Hauptstadt Colombo, der St.-Sebastians-Kirche im rund 30 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Negombo sowie der Zionskirche in Batticaloa, rund 250 Kilometer östlich von Colombo. In den Kirchen fanden gerade Ostergottesdienste statt. Die meisten Opfer gab es in den Kirchen. Außerdem gab es Explosionen in den 5-Sterne-Hotels Shangri-La, Cinnamon Grand und Kingsbury in Colombio. Dort sollen auch Ausländer verletzt worden sein. Später wurde eine siebte Explosion in einem kleinen Hotel in einem Vorort der Hauptstadt Colombo mit zwei Toten gemeldet. Eine achte Explosion ereignete sich am Nachmittag in einer Wohngegend in Dematagoda, einem anderen Vorort Colombos.

          Die St.-Sebastian-Kirche nach dem Anschlag

          Die Explosionen fanden fast gleichzeitig statt – nach ersten Berichten innerhalb von einer halben Stunde. Die erste wurde aus der Kirche in Colombo gemeldet, die übrigen alle innerhalb von nur 30 Minuten.

          Zunächst bekannte sich niemand zu den Angriffen. Die Behörden sprachen zunächst nicht von einem Terrorakt. Staatspräsident Maithripala Sirisena sprach von „Angriffen“. Die Streitkräfte und die Polizei würden der „Verschwörung“ auf den Grund gehen.

          Die Oberbefehlshaber der Streitkräfte hielten mit mehreren Ministern eine Krisensitzung ab, wie der Minister Harsha de Silva auf Twitter schrieb. In einer Kirche in Colombo habe es „schreckliche Szenen“ gegeben. Diese sei mit Körperteilen übersät gewesen.

          Eine 20 Jahre alte Touristin aus Dänemark, die mit drei Freundinnen in einem Hotel in Colombo untergekommen ist, sagte dem dänischen Rundfunk zur Explosion in der St.-Antonius-Kirche: „Es herrschte Chaos in der Straße, mit Menschen und Rettungswagen überall. Viele der Einheimischen haben die Straße hinunter gezeigt und gesagt, es habe eine Explosion gegeben und viele seien tot.“

          „Es war 08.30 Uhr“, sagt ein Mitarbeiter des Hotels Cinnamon Grand. „Es gab viel zu tun, wir hatten viele Familien da.“ Das Osterwochenende sei ausgebucht gewesen. Plötzlich eine Explosion. Danach habe dann „völliges Chaos“ geherrscht, sagt der Mitarbeiter. Einer der Manager, der die Gäste im Restaurant begrüßte, sei sofort tot gewesen.

          Nur sieben Prozent sind Christen

          In Colombos altehrwürdiger Kirche St. Antonius dauerte es länger, bis Hilfe eintraf. Die Gläubigen feierten gerade die Ostermesse, als auch dort eine Explosion das Gebäude erschütterte. Der Ladenbesitzer N. A. Sumanapala rannte sofort von seinem Geschäft in die benachbarte Kirche. „Es war wie ein Fluss aus Blut“, sagte er. „Der Priester kam mit entgegen, er war von Blut bedeckt.“

          Ein Teil des Daches der historischen Kirche ist eingestürzt, der Boden mit Dachziegeln, gesplittertem Glas und Holzteilen übersät. Neben Blutlachen lagen Leichen, notdürftig mit Decken, Schals und Kleidung bedeckt.

          Ein Anwohner namens Gabriel berichtete gegenüber AFP, dass sei Bruder bei der Explosion in der Kirche war. „Ein Stück des Daches stürzte auf seinen Kopf, er blutete stark aus seinem Ohr“, sagte Gabriel. „Wir stehen unter Schock.“

          Nur etwa sieben Prozent der Bevölkerung Sri Lankas sind Christen. Die Mehrheit sind Buddhisten. Jedes Jahr reisen Zehntausende Deutsche in das frühere Ceylon. Der Inselstaat von der Größe Bayerns hat gut 20 Millionen Einwohner. Er bietet neben tropischen Stränden unter anderem mehrere UNESCO-Welterbestätten, sechs Kultur- und zwei Naturdenkmäler.

          Das Auswärtige Amt aktualisierte kurz nach den Attacken seine Reisehinweise. „Reisende werden gebeten, die Anschlagsorte weiträumig zu meiden, die lokalen Medien zu verfolgen, engen Kontakt zu Reiseveranstaltern und Fluggesellschaften zu halten und Anweisungen von Sicherheitskräften Folge zu leisten“, schrieb das Ministerium. Die Lage sei unübersichtlich. „Mit weitreichenden Sicherheitsmaßnahmen wie Absperrungen, aber auch Einschränkungen im Flugverkehr und verstärkten Kontrollen vor dem Betreten des Flughafengebäudes und dem Abflug ist zu rechnen.“ Die Flughafengesellschaft rief die Reisenden dazu auf, mindestens vier Stunden vor Abflug vor Ort zu sein.

          Die deutsche Botschaft in Sri Lanka steht nach Angaben von Außenminister Heiko Maas mit den lokalen Behörden in Kontakt und bemühe sich mit Hochdruck um Aufklärung, ob auch Deutsche betroffen sind. Das Auswärtige Amt richtete einen Krisenstab ein. Besorgte Angehörige können sich unter 030-50000 melden.

          Sri Lankas Bürgerkrieg war 2009 nach 26 Jahren zu Ende gegangen. Die Rebellengruppe Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) hatte für einen unabhängigen tamilischen Staat im Norden des Landes gekämpft. Die Armee ging gegen die Aufständischen mit aller Härte vor und besiegte sie schließlich. Die UN werfen beiden Seiten Kriegsverbrechen vor.

          Eine Ambulanz versucht sich einen Weg im Straßenverkehr von Colombo zu bahnen.

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