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Sperrung einer Foto-Ikone : Irrlicht Facebook

  • -Aktualisiert am

Am 8. Juni 1972 flüchteten die Bewohner des vietnamesischen Dorfs Trang Bang nach einem Napalm-Angriff. Das Mädchen Kim Phuc in der Bildmitte hatte sich die brennenden Kleider vom Leib gerissen. Die Aufnahme von Nick Ut wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und zum Pressefoto des Jahres 1972 gewählt. Bild: AP

Jetzt wird es ernst: Facebook sperrt ein Foto, das zu den Ikonen der Kriegsfotografie gehört. Das dürfen wir nicht durchgehen lassen. Ein Kommentar.

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          Das Bild des amerikanisch-vietnamesischen Fotografen Nick Út ist eine Ikone der Kriegsfotografie. Es zeigt den Schrecken menschlicher Zerstörungswut auf besonders eindringliche Weise: Ein Kind, dessen Kleider im Feuersturm amerikanischer Napalm-Bomben verbrannt sind, flüchtet vollkommen entblößt gemeinsam mit anderen vom Horror des Angriffs gezeichneten Kindern aus seinem brennenden Dorf.

          Das im Juni 1972 aufgenommene Bild mit dem Titel „The Terror of War“ wurde zum Pressefoto des Jahres, Út erhielt den Pulitzer-Preis. Es wurde in den vergangenen Jahrzehnten tausendfach gedruckt, in Zeitungen, Zeitschriften, Bildbänden, Schulbüchern. Millionen haben es gesehen, haben das Entsetzen in sich aufsteigen gespürt. Es ist eines dieser machtvollen visuellen Werke, die das Denken der Betrachter nachhaltig beeinflussen können. Es ist ein historisches Dokument.

          Dokumente der Weltgeschichte aus dem Netzwerk gefegt

          Doch nun soll es plötzlich nicht mehr gezeigt werden dürfen, zumindest nicht im größten digitalen Netzwerk der Welt. Die verstörende Nacktheit des Mädchens widerspricht neuerdings den Vorgaben von Facebook. Nachdem der norwegischer Autor Tom Egeland das Bild gepostet und die norwegische Zeitung Aftenposten das Bild geteilt hatten, wurden sie von Facebook aufgefordert, das Foto zu pixeln oder zu entfernen. Weil die Betroffenen der Aufforderung nicht nachkamen, verbannten die Facebook-Administratoren Egeland und zensierten den Aftenposten-Account. Das Foto wurde entfernt.

          Um es kurz zu machen: Das kann nicht sein. Es kann nicht angehen, dass ein globales Netzwerk wie Facebook, dass sich als Plattform des Austausches und der Kommunikation geriert, aufgrund schematisch angewandter Regeln Dokumente der Weltgeschichte aus seinem Netzwerk fegt. Es kann nicht sein, dass Vorstellungen, die an der verklemmten Moral des amerikanischen Mittleren Westens entlang entwickelt wurden, plötzlich zum Weltstandard erhoben werden, dem sich nun auch das aufgeklärte Europa unterwerfen muss. Es kann nicht sein, dass plötzlich Beiträge, Blogs und Medien zensiert werden, die etwas posten oder teilen, das zumindest im westeuropäischen Kulturkreis vollkommen legal ist. Während gleich nebenan auf dem gleichen Netzwerk nach wie vor Hasskommentare offeriert werden, die jede Geschmacks- und Gesetzesgrenze sprengen.

          Was ist Facebook eigentlich?

          Damit verbindet sich eine noch größere Frage: Was ist Facebook eigentlich? Es hat Jahre gedauert, bis die Manager ihre Verantwortung wahrgenommen haben und verschärft gegen Hasskommentare auf ihren Seiten vorgegangen sind. Eine eigenartige Toleranz gegenüber extremistischen, gewalttätigen, beleidigenden, kurzum strafbaren Äußerungen prägte jahrelang das Netzwerk. Noch heute sind selbst extreme Gewaltvideos über Facebook abrufbar. Einzig technisch relativ einfach herausfilterbare Fotos und Videos unbedeckter menschlicher Körperteile wurden stets rasch eliminiert. Facebook verstand sich als neutrale Plattform, die für die Inhalte der Nutzer nicht verantwortlich sein wollte - ähnlich wie ein Telefonunternehmen.

          Doch gleichzeitig entwickelt sich Facebook mehr und mehr zu einer medialen Plattform. Um die Nutzer auf ihre Seiten zu ziehen, verfeinerten die Programmierer nicht nur die Kommunikationsmechanismen ständig, sondern sorgten auch dafür, dass der Inhalt des Netzwerkes ständig frecher wurde. Seit einiger Zeit präsentieren Tausende von Medien weltweit - darunter auch FAZ.NET - ihre Stories in Form der Instant Articles direkt auf Facebook.

          Erschreckend hilflos

          Facebook selbst hat seine Mühe, den richtigen Weg zur Verantwortung zu finden. Erst begann ein Redaktionsteam, Nachrichten für die amerikanische News-Sektion zu kuratieren. Dann gab es Vorwürfe, die Redakteure wären zu liberal und würden die konservative Unterströmung des Landes, die Basis der Trump-Kandidatur, zu wenig berücksichtigen. Kürzlich wurde das ganze Team gefeuert, nun steuert wieder ein Algorithmus den Nachrichten-Strom, was wiederum zu kuriosen Fehl-Postings geführt hat. Es ist erschreckend, wie hilflos das mächtigste Netzwerk der Welt agiert, wenn es um den Kern journalistischer Arbeit geht: Die Auswahl von News und Bildern.

          Es zeigt aber auch, wie der Aufstieg der Plattformen wie Facebook den Charakter der Kommunikation im Internet gefährdet. Das Internet war einstmals gedacht als ein eher anarchisch strukturiertes Instrument der freiheitlichen Kommunikation, Emanzipation und globalen Wissenspartizipation. Nun erleben wir, wie Staaten die Schrauben der Zensur anziehen und das Netz als ein perfektes Überwachungsinstrument entdecken. 

          Beispiellose Attacke auf die Meinungsfreiheit

          Und wir erleben gleichzeitig, wie immer größere Areale des Internets von privaten Konzernen gemanagt werden, die mit einer simplen Entscheidung ihrer Top-Gremien den Meinungsaustausch von Hunderten von Millionen Menschen beeinflussen und auch zensieren können. Dabei weitet sich der Machtbereich von Facebook ständig aus. Facebook erhebt nicht nur den Anspruch, das bessere Internet zu sein. Die Manager von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg arbeiten bereits daran, die Infrastruktur für bisher vom Netz vernachlässigte Weltgegenden zu verbessern, etwa per Satellit in den Ländern südlich der Sahara.

          Nun ist es zu einem wahren Sündenfall gekommen, einer bei Facebook beispiellosen Attacke auf die Meinungsfreiheit. Man kann nur hoffen, dass Zuckerberg an diesem Tag, wenn er denn in Kalifornien endlich aufgewacht ist, sein Team zur Räson ruft. Dass ein Medium wie das norwegische Blatt Aftenposten, die größte seriöse Zeitung des Landes, plötzlich nicht mehr prägenden Dokumente der westlichen Geschichte teilen darf, deren Verbreitung keinerlei gesetzliche Grenzen berührt, selbst wenn sie verstörend wirken, kann und darf nicht sein.

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