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SPD-Spitze auf Parteitag : Ein Problem namens Schulz

Geschafft: Martin Schulz und Andrea Nahles fallen sich nach dem Votum der SPD-Delegierten erleichtert in die Arme. Bild: Reuters

Die SPD wird mit der Union über eine große Koalition verhandeln – doch nach dem Auftritt des Parteichefs klatschen die Delegierten nur 60 Sekunden. Von Andrea Nahles dagegen sind sie begeistert. Sie hält die Rede, die Schulz hätte halten müssen.

          8 Min.

          Um 16 Uhr macht sich Unruhe breit im World Conference Center in Bonn. Hier am Rhein hat sich die SPD zu ihrem Sonderparteitag versammelt. Nach dem Zeitplan müsste nun eigentlich abgestimmt werden. Parteitagsdinosaurier und alte Haudegen wippen auf den Füßen hin und her. Soeben hat Thorsten Schäfer-Gümbel, der hessische Landesvorsitzende, als letzter Debattenredner gesprochen. Um 16.10 Uhr wird die Aussprache beendet. Nur Martin Schulz, der Parteivorsitzende, darf noch einmal reden. Dann soll abgestimmt werden.

          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Schulz wählt dramatische Worte: Menschen in ganz Europa schauten jetzt nach Bonn, sagt er. Es sei ohne Zweifel ein Schlüsselmoment in der Geschichte der Partei. Er sei stolz auf die Debatte. Es folgt längerer Applaus, was dem Parteivorsitzenden nach diesem Tag guttut. Schulz zelebriert Demut. Er werbe noch einmal dafür, dass der Parteitag ihm das Mandat und das Vertrauen gebe. Die SPD habe diese Lage nicht angestrebt. Verantwortlich seien die gescheiterten Jamaika-Sondierer. „Bei allem Respekt bitte ich euch: Gebt uns den Weg frei.“

          „Jetzt kann man berühmt werden“

          Versammlungsleiter Heiko Maas, der geschäftsführende Bundesjustizminister, ruft zur Abstimmung über den Leitantrag. Die Unterstützer strecken ihre Delegiertenkarten in die Luft. Es folgen die Neinstimmen. Es sind weniger. Das ist zu sehen. Doch Maas will auf Nummer Sicher gehen. Er will noch einmal abstimmen und Stimmzähler durch die Reihen schicken. Eine Tendenz sei erkennbar, aber es wäre ihm einfach lieber. Er erhält Applaus für diesen Vorschlag. So dauert es noch einige Minuten.

          Maas ist der Humor nicht vergangen: Er fragt nach Enthaltungen. Zunächst regt sich keine Hand. „Jetzt kann man berühmt werden“, sagt Maas und fügt an: Müsse man aber nicht. Wenig später folgt das Ergebnis: 362 dafür, 279 dagegen – und tatsächlich eine Enthaltung. „Damit werden Koalitionsverhandlungen aufgenommen“, sagt Maas. 56 Prozent. Puh. Wie sagt man am Rhein? „Et het noch immer“ – und so weiter. Nur 56 Prozent. Reicht das, um die Partei zu befrieden? Hauptsache, gewonnen, heißt es später.

          Rückblende: Martin Schulz ist hörbar angeschlagen. Heiser und leise beginnt er seine Rede. Er war zuletzt mal wieder viel unterwegs in der Republik. Und nun ist er krank. Pünktlich zum Sonderparteitag. So krank, dass er am Vorabend nicht mehr lange an seiner Rede feilen konnte. Er musste ins Bett. Und eigentlich gehört er auch an diesem Sonntagmorgen ins Bett. Da hilft die freundliche Erinnerung der Versammlungsleiterin, auf den Schultern des lieben Martin laste nun ein schweres Gewicht, gewiss nicht sonderlich.

          Schulz versucht anfangs, die Delegierten zu umarmen: Die Partei sei, egal wie sie abstimme, vereint. Stille im Saal. Jeder weiß, dass das Gegenteil zutrifft. Diese Stille wird nur ganz wenige Male im Verlauf der Rede unterbrochen. Das hat es in der jüngeren Geschichte der SPD so noch nicht gegeben. Die Applausverweigerung über weite Strecken der Rede ist ein Misstrauensvotum gegen den gerade wiedergewählten Vorsitzenden. Auch Leute, die später für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen stimmen werden, verweigern Schulz an vielen Stellen die Unterstützung.

          Über Schulz heißt es in der Parteiführung, er wisse, dass er das zentrale Glaubwürdigkeitsproblem der Partei sei. Zweimal hatte er ohne Not die große Koalition ausgeschlossen: Einmal am 24. September, als er erklärte, das schwarz-rote Bündnis sei abgewählt worden und der Platz der SPD sei künftig in der Opposition. So wollte er vergessen machen, dass er als Kanzlerkandidat das schlechteste Ergebnis in der Parteigeschichte zu verantworten hatte. Sodann Ende November nach dem überraschenden Scheitern der Jamaika-Sondierer, als er äußerte, nun müsse der Wähler das Wort haben.

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