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SPD-Spitze auf Parteitag : Ein Problem namens Schulz

Wenig später wird der Bericht aus der Bundestagsfraktion angekündigt. Es ist die Untertreibung des Tages. Andrea Nahles steht auf dem Podium, und es wiederholt sich in noch deutlicherer Form das, was sich schon auf dem Dezember-Parteitag ereignet hat. Sie hält die Rede, die Schulz hätte halten müssen.

Nahles greift Zwergenbild auf

Nahles greift Kühnerts Zwergenbild auf. Ein Zwerg sein, um in Zukunft wieder groß zu werden? Sie vermisse da eine Erklärung. Was sei denn das Große? Nahles erzählt nun von einem Gespräch mit einer alten Dame, die 35 Jahre gearbeitet habe und nun auf die von Nahles verhandelte Grundrente hoffe. Politiker erzählen immer wieder von Gesprächen mit dem kleinen Mann und der kleinen Frau. Auch solchen, die es nie gab, nur um ihre Argumentation zu untermauern. Das weiß Nahles. Und sie weiß auch, dass die Delegierten das wissen. Deshalb erwähnt sie einen Kronzeugen des Gesprächs. So viel zum Thema Glaubwürdigkeit.

Sodann: Für die Gegner der Groko sei die Grundrente vielleicht nichts Großes. Für die alte Dame aber durchaus. Und: Sie, Nahles, habe das Große immer im Kleinen gesehen. Sie brüllt nun regelrecht. Deshalb sei sie in der SPD. Zum ersten Mal an diesem Sonntag jubeln die Delegierten nun einem Befürworter der Koalitionsverhandlungen zu.

Nahles ist längst noch nicht fertig. Nach „Auf die Fresse“ und „Bätschi“ kramt sie auch diesmal wieder im Sprachregister der politischen Adoleszenz: Den Groko-Gegnern, die auf die Stillstands-Union verwiesen hatten, mit der kein Staat zu machen sei, hält sie entgegen: Es gehe nicht um Merkel oder den „blöden Dobrindt“. Es gehe um die SPD. Ob sie Angst vor Neuwahlen habe? Nein, aber Angst vor den Fragen der Bürger im Wahlkampf. Die würden dann ganz einfache Fragen stellen. Etwa: Warum tretet ihr mit Forderungen an, die ihr hättet durchsetzen können? Was sage die SPD dann, fragt Nahles: Etwa: Ja, aber nicht zu hundert Prozent. Leute, sagt die Fraktionsvorsitzende, dann zeigen die uns den Vogel. Schließlich: Erhalte die Partei das Mandat, werde sie verhandeln, bis es „quietscht“. Wohl schon gegen Ende dieser Woche können die Verhandlungen nun aufgenommen werden.

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Schon am Samstagabend setzte sich unter den Mitgliedern der Parteiführung vorsichtiger Optimismus durch. Nach einer Prognose für den Sonntag gefragt, verwies ein Spitzengenosse nicht ohne Ironie auf das Wahlergebnis Olaf Scholz’ vom vorherigen Parteitag: 59 Prozent hatte der Hamburger Bürgermeister erhalten, wieder einmal eine Abreibung. Keine schlechte Schätzung.

Scholz, die anderen Stellvertreter und andere Mitglieder der Parteiführung verschwanden später noch zu einem spontanen Abendessen. Vertraulichkeit wurde vereinbart. Ob es darum gegangen sei, dass Schulz nicht in ein mögliches Bundeskabinett eintreten solle, um so zumindest ein wenig Glaubwürdigkeit zurückzuerlangen? Die Frage wurde verneint. Nicht verneint wurde indes, dass die SPD auch nach dem Sonderparteitag weiterhin ein Problem namens Martin Schulz habe.

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