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SPD in Vorpommern : Dahlemann versucht es

  • -Aktualisiert am

Harter Wahlkampf vor heimatlicher Idylle: Patrick Dahlemann am Ufer des Stettiner Haffs. Bild: Jens Gyarmaty

Der SPD-Politiker Patrick Dahlemann aus Vorpommern wurde durch ein NPD-Video bekannt. Bei der anstehenden Wahl geht es für ihn um alles. Wie für die NPD auch.

          Patrick Dahlemann, ein Sozialdemokrat von 28 Jahren, wurde deutschlandweit schlagartig bekannt, als er im Januar 2014 auf Youtube ein Video einstellte, das ihn auf einer Wahlkampfveranstaltung der NPD zeigt und das auch heute noch im Netz abrufbar ist. Entstanden war es im Bundestagswahlkampf 2013 in Dahlemanns Heimatstadt Torgelow. Dahlemann hatte das „offene Mikrofon“ genutzt und sich vor dem NPD-Logo gegen die Parolen der Partei ausgesprochen. Er sprach von „einfachen, platten Phrasen“ und empfahl, das Werbematerial der Partei sogleich in Müllsäcken zu entsorgen. In dem Video sieht man Dahlemann, aber auch die Reaktion von Stefan Köster, dem Landesvorsitzenden der NPD, der zudem im Landtag sitzt. Dahlemann unterbricht Kösters Replik aber immer wieder, um seine Kommentare dazu abzugeben.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Auftritt selbst vor NPD-Kulisse war zweifellos mutig und brachte Dahlemann viele Feinde ein. Vor allem aber Freunde und den Gustav-Heinemann-Preis der SPD. Sigmar Gabriel rief an und fragte Dahlemann, was er als SPD-Vorsitzender für ihn tun könne. „Herkommen“, lautete Dahlemanns Antwort. Zweimal war Gabriel inzwischen da, in der „sozialdemokratischen Diaspora“ im tiefen Vorpommern. Zuletzt in der vergangenen Woche. Erst sah Gabriel sich fast zwei Stunden lang ein mittelständisches, von Vater und Sohn geführtes Unternehmen mit 54 Mitarbeitern an. Haff-Dichtungen in Ueckermünde ist eine beispielhafte Geschichte – Ausgründung aus einem längst vergessenen DDR-Betrieb, Treuhandquerelen, drohende Insolvenz, Neuanfang durch Erweiterung und Eroberung des europäischen Marktes.

          Einfache und platte Phrasen: So bezeichnete Dahlemann 2014 die Parolen der NPD. Bilderstrecke

          Am Abend folgte ein sogenanntes Bürgergespräch in einem Ferienhotel mit weitem Blick über das Stettiner Haff hinüber nach Polen. Größer kann Gabriels Wahlkampfhilfe für Dahlemann nicht sein. Am 4. September wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt. Für Dahlemann geht es dabei um alles, jedenfalls seinen politischen Ehrgeiz betreffend. Der ist nicht nur für sich genommen „ein ungewöhnlicher Typ“, wie Gabriel ihn nennt. Ungewöhnlich ist auch der Wahlkreis, in dem er als Direktkandidat antritt.

          Großer Ehrgeiz

          Dahlemann kam 2004 zur SPD. 2011 versuchte er erstmals, als Direktkandidat in den Schweriner Landtag einzuziehen. Er scheiterte, wenn auch knapp, zog aber später, im April 2014, als Nachrücker in das Schweriner Schloss ein. Und zwar als Nachfolger des früheren Fraktionsvorsitzenden und Ministers Volker Schlotmann. Schlotmann selbst rief damals bei Dahlemann an, um die gute Botschaft zu überbringen. Dahlemann brach in Tränen aus. So kann sich politischer Ehrgeiz Bahn brechen, wenn er einerseits groß genug ist und andererseits plötzlich Erfüllung findet.

          Und Dahlemanns Ehrgeiz ist groß. Er geht auch so weit, dass ihm die praktische Politik viel wichtiger ist als sein Studium der Politikwissenschaft und des öffentlichen Rechts. Sein Studium an der Greifswalder Universität hat Dahlemann aufgegeben, weil die Fristen für ihn nicht einzuhalten waren, und sich inzwischen in der Fernuniversität Hagen eingetragen. Im Wahlkampf wurde ihm das – der Fall Petra Hinz war gerade bekanntgeworden – schon vorgehalten. Dahlemann ficht das nicht an. Er will den Wahlkreis direkt gewinnen, und das fordert ihn ganz. Auf der Liste seiner Partei steht er gar nicht erst. Sein Wahlkreis 35 liegt am Rand von Deutschland, Uecker-Randow I, immer noch eine der ärmsten Gegenden, bekannt vor allem als Militärstandort und als Land der drei Meere: Sandmeer, Kiefernmeer, dann gar nichts mehr. In Vorpommern holt traditionell die CDU nahezu alle Wahlkreise direkt.

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