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SPD-Parteitag : Ein weiter Bogen nach links

Die Delegierten blicken auf Gabriel und im Hintergrund ist in der Halle die neue purpurne Farbe zu sehen, der neue Anstrich für die SPD, der parteiintern umstritten ist. In Rot auf Grau steht links und rechts: „Unser Kapital: Demokratie und Gerechtigkeit“. Gabriels Leute wollten dieses Motto - es ist links und klingt nach Tradition. Von Fortschritt und Fairness, Begriffen, mit denen der Vorsitzende vor einem Jahr experimentierte, ist ebenso wenig mehr die Rede wie von Steinbrücks bevorzugtem Wortpaar Gemeinwohl und Gemeinsinn. In der Krise bevorzugt Gabriel das Bewährte. In seiner Rede sagt er schlicht, er wolle, dass die Menschen wieder gut schlafen könnten.

Als wollte er den sich in der Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise gewandelten Zeitgeist nutzen, fordert Gabriel seine Partei SPD auf, eine breite Allianz zu schmieden, nicht nur mit den Gewerkschaften, sondern auch mit den Kirchen, nicht nur mit Umweltverbänden, sondern auch mit Wirtschaft und Mittelstand. Parteipolitisch sucht er die Auseinandersetzung nicht nur mit seinem grünen Wunschpartner über die Themen Industrie und Infrastruktur, er will mit der kühnen Proklamation, die SPD sei die Erbin des politischen Liberalismus, auch die heimatlos gewordenen FDP-Wähler auflesen.

Nach der Rede und ein paar Formalitäten folgen die Vorstandswahlen. Torsten Albig, der schleswig-holsteinische Spitzenkandidat und Versammlungsleiter des Parteitages, erläutert den Delegierten die Handhabung des neuen elektronischen Stimmgeräts. Gabriel erhält 91,6 Prozent der Delegiertenstimmen - das sind zweieinhalb Prozentpunkte weniger als vor zwei Jahren. Aber das zählt nicht. In Dresden wählten die Genossen in einer Art Weltuntergangsstimmung. Diesmal stimmen sie unter realen Bedingungen ab, nach zwei Jahren, die anstrengend waren und in denen auch er zuweilen anstrengend gewesen sei, wie Gabriel zuvor gesagt hatte. Auch die Wahlen der anderen verlaufen ohne größere Unfälle: die stellvertretende Parteivorsitzende Hannelore Kraft erhält ein in der Partei - warum auch immer - erwartetes Rekordergebnis, und selbst Generalsekretärin Andrea Nahles, die sich in ihren Reden und bei Wahlen gewöhnlich schwer tut, bekommt mit rund 73 Prozent ein paar Pünktchen mehr als beim letzten Mal.

Nach seiner Wiederwahl steht Gabriel in der Presselounge. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand, sagt er, ihm tue seine Medienschelte mitnichten leid, sie sei auch nicht taktischer Art gewesen. Der Zufall will es, dass er vor dem Kaffee-Container auf Steinbrück trifft. Beide machen ein bisschen Smalltalk, schließlich hören die Journalistenohren mit: Gute Rede. Ja, sehr gut. Gutes Ergebnis. Ja, sehr gut. Das Gespräch wirkt ein wenig verkrampft. Ein paar peinliche Pausen gibt es auch. Steinbrück hatte zuvor Gabriels Aufforderung widerstanden, während des Abschlussapplauses mit auf die Bühne zu kommen. Auch Frank-Walter Steinmeier, dem am Sonntag die undankbare Aufgabe zugekommen war, nach Helmut Schmidt zu reden, lehnte ab. In dieser Situation die Troika harmonisch lächelnd auf dem Podium winken zu sehen, das wäre dann doch etwas zu viel an inszenierter Geschlossenheit gewesen.

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