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Martin Schulz : Die Story seines Lebens

Ein ungewöhnlich belesener Mensch

Schulz ist ein ungewöhnlich belesener Mensch. Gerade ist er mit Juli Zehs Roman „Unterleuten“ durch, nun vertieft er sich in „Höllensturz“, ein Buch des Historikers Ian Kershaw. Es handelt davon, wie Europa vom „goldenen Zeitalter“ in die Katastrophe zweier Weltkriege stürzte. Diese Zeit fasziniert ihn besonders. Christopher Clarks Buch „Die „Schlafwandler“ über den Weg in den Ersten Weltkrieg hat er verschlungen. Mit dem Autor diskutierte er dann in Aachen vor tausend Zuschauern. Beide tauschen sich seither öfter aus. Als Schulz vor einiger Zeit bei einem Empfang im belgischen Königspalast war, sprach ihn die Hausherrin auf das Buch an. Zwei Tage später saß der Australier Clark bei der Königin am Tisch.

Schulz ist starker Befürworter eines gemeinsamen und starken Europas.
Schulz ist starker Befürworter eines gemeinsamen und starken Europas. : Bild: dpa

In Brüssel und Straßburg begannen Schulz’ Tage um acht Uhr, selten endeten sie vor Mitternacht. Die Zeit zum Lesen nahm er sich trotzdem, immer eine halbe Stunde vor dem Einschlafen. Eine Entspannungstechnik: Er schaltet ab, wenn er sich in Bücher vertieft. Aber auch Ausdruck eines Bildungshungers, der von einer verunglückten Schulkarriere entfacht wurde. Schulz war schwach in Mathe, er blieb zweimal sitzen, nach der 11. Klasse war Schluss. Kein Abi, kein Studium. Also musste er sich sein Wissen selbst aneignen, als Autodidakt. Der Beruf des Buchhändlers lag nahe, da konnte er viel lesen.

Manche versuchen jetzt schon, aus dem fehlenden Abitur politisches Kapital zu schlagen. So schrieb der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Emil Sänze diese Woche: „Frau Merkel hat ein Diplom und einen Doktortitel und ist dennoch nicht fähig, dieses Land zu führen. Was haben wir da erst von einem gelernten Buchhändler zu erwarten?“ Für eine Anti-Eliten-Partei erstaunlich. Aber für Schulz keine Gefahr. In den Augen von Sozialdemokraten adelt es ihn erst recht: Er wäre der erste Kanzler ohne Abitur.

Ein weiter Weg zum Kanzleramt

Dahin ist es freilich ein weiter Weg, und für den muss er sich erst einmal politisch aufstellen. Selbst Parteifreunde konnten oder wollten in den vergangenen Tagen nicht sagen, für welche Inhalte der Kandidat steht. Dabei ist er in der Bundespolitik durchaus verankert. Seit 1999 gehört er dem SPD-Präsidium an, so lange wie kein anderes Mitglied. Wenn die Parteiführung montags um ihre Positionen rang, saß er regelmäßig mit am Tisch. Debatten über die Mietpreisbremse oder den Mindestlohn sind ihm vertraut, doch als Europapolitiker brauchte er sich dazu öffentlich nicht festzulegen.

SPD-Kanzlerkandidat : Schulz kündigt Wahlkampf um soziale Gerechtigkeit an

Schulz spricht in letzter Zeit oft über die Unsicherheiten im Arbeitsleben, die Nöte hart arbeitender kleiner Leute und die ungerechte Verteilung des Wohlstands. Im vergangenen Herbst entfachte er wahre Begeisterungsstürme bei einem Treffen der „Parlamentarischen Linken“. Es war ein wesentlicher Schritt zu seinem bundespolitischen Aufstieg. Doch werden Versuche scheitern, ihn selbst als Linken hinzustellen. Schulz gehört seit den neunziger Jahren zum Seeheimer Kreis, dem Bündnis konservativer und pragmatischer SPD-Politiker. Auch in der Fraktion der europäischen Sozialdemokraten, wo viele Sozialisten sitzen, war er immer ein Rechter. Im kleineren Kreis konnte er sich herrlich über Genossen aufregen, die große ideologische Reden schwingen, aber keinerlei Lösungen parat haben. Man vergaß dann leicht, dass er in derselben Partei ist.

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