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Martin Schulz : Die Story seines Lebens

Zwischen Politik und Familie

Für Schulz war das anders. Sein Wahlkreis lag ja nur anderthalb Stunden von Brüssel entfernt, dort blieb er wohnen. Auf den Autofahrten telefonierte er. Wenn ein Gespräch in zehn Minuten zweimal abbrach, war das das Zeichen, dass er gleich daheim sein würde: Im Dreiländereck wechselt das Netz zwischen den Niederlanden, Belgien und Deutschland. In Würselen war Schulz zu Hause. Seine Frau, eine Landschaftsarchitektin, betrieb dort ihr Büro, seine Kinder gingen da zur Schule. Von seiner Familie hat Schulz mehr gesehen als andere Spitzenpolitiker. Sie war ein wichtiger Grund dafür, dass er lange Angeboten widerstand, in die Bundespolitik zu wechseln.

Politik und Familie unter einem Hut: Schulz mit Ehefrau Inge bei der Europawahl 2014
Politik und Familie unter einem Hut: Schulz mit Ehefrau Inge bei der Europawahl 2014 : Bild: dpa

In Würselen kennt ihn praktisch jeder. Dort wollte er Fußballprofi werden und gründete, als das nicht klappte, eine Buchhandlung, die es immer noch gibt. Hinten im Büro traf Schulz sich mit seinen Juso-Freunden und schmiedete politische Pläne. Mit 31 wurde er zum Bürgermeister gewählt, damals der jüngste in Nordrhein-Westfalen. Er lernte die Politik aus der Froschperspektive kennen. Ende der achtziger Jahre musste er plötzlich mehr als tausend Flüchtlinge aus afrikanischen Bürgerkriegen aufnehmen, durchgewunken von Belgien. Er beschlagnahmte eine Turnhalle, fürchtete um seine Wiederwahl – und gewann die absolute Mehrheit. Als in der Bergbauregion die Zechen schlossen, gründete er mit seinem Kollegen aus dem benachbarten Aachen ein Gewerbegebiet, wo sich IT-Unternehmer ansiedelten. Die Technologie, mit der heute bei internationalen Fußballturnieren festgestellt wird, ob ein Ball die Linie überschritten hat, kommt aus Würselen. Dem Fußballfan Schulz ist das wichtiger als so manche Richtlinie, die er durchs Parlament brachte, er erzählt es mit Begeisterung.

Ein guter Erzähler

Er ist überhaupt ein guter Erzähler. „Dazu kann ich Ihnen eine Story erzählen“ – so geht es immer los. Und dann weiter im rheinischen Singsang, mit nachgespielten Dialogen und einem Höhepunkt, den er immer weiter herauszögert. Schulz ist auch ein guter Beobachter. Als er im vergangenen Jahr den türkischen Präsidenten Erdogan besuchte, studierte er dessen Entourage genau. Ihm fiel auf, wie die Mitarbeiter gelangweilt auf ihren Mobiltelefonen herumtippten, als sie zum x-ten Mal einen Film über den Militärputsch ansehen mussten, in dem es immer nur um Erdogan ging. Und er registrierte, wie ihnen die Kinnlade runterklappte, als Schulz Erdogan jovial anpflaumte:

Na, Recep, du bist ja gut in Form!

Erdogan: Tja, ich treibe regelmäßig Sport.

Schulz: Ich dachte, es liegt an deinem Büro, du hast ja einen weiten Weg bis zur Tür.

Man muss dazu wissen: Das Büro des türkischen Präsidenten kann es mit dem Spiegelsaal von Versailles aufnehmen.

Es gibt wohl sonst niemanden, der so mit Erdogan redet. Schulz kommt aber auch mit Normalbürgern gut ins Gespräch. Er kann zuhören und sich in sein Gegenüber einfühlen. Aus einem Smalltalk wird schnell ein ernsthafter Austausch. Manche Politiker beherrschen das als Pose. Aber bei Schulz ist es mehr, er kann sich Jahre später noch an Details erinnern. Vielleicht auch deshalb, weil er Tagebuch führt: jeden Abend eine Seite im Jahreskalender der Aachener Stadtsparkasse – und das seit mehr als drei Jahrzehnten. „Wartet nur, wenn ich erst mal meine Memoiren schreibe“, sagt er mitunter. Aber noch ist es zu früh für die Story seines politischen Lebens, das wichtigste Kapitel fehlt.

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