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SPD in Thüringen : Eine Partei außer Rand und Band

  • -Aktualisiert am

Christoph Matschie schlug beim „Basistreffen“ der Thüringer SPD die Empörung gegen seine Entscheidung für die CDU als Koalitionspartner entgegen. Die Gemüter sind erhitzt, die Partei gespalten.

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          Im Foyer liefern sich Harald Klatt und Wilfried Regenhardt ein erregtes Wortgefecht. Die beiden Sozialdemokraten sind von Zorn erfüllt. Der eine, Klatt, ist Beamter des Landeskriminalamtes und Vorsitzender der SPD im Erfurter Westen. Er streitet für Rot-Rot-Grün. Der andere, Regenhardt, kommt aus dem Weimarer Land, ist Beamter im Wirtschaftsministerium und vertritt die Gegenposition. Klatt hat soeben auf der „Basisversammlung“ der SPD seiner Partei prophezeit, wenn sie „für ein paar Nadelstreifenanzüge und Dienstwagen“ mit den Schwarzen koaliere, sei das ihr Tod. Dann stellte er sich den Kameras im Erfurter Com-Center. Das empörte Regenhardt.

          Die Streitenden werden immer lauter. Ein Abgesandter der Veranstalter bittet um Mäßigung. Vergebens. Die beiden kommen sich körperlich gefährlich nahe. Sie sind in Rage. Ihre Gesten werden ausladender. Sie können jeden Augenblick zum ersten Rempler führen. Da schlägt Regenhardt mit einer Armbewegung Holger Poppenhäger, dem Kandidaten für das Amt des Justizministers im Schattenkabinett des SPD-Vorsitzenden Matschie, in einem hohen Bogen die Tasse mit dem frisch gebrühten Kaffee aus der Hand. Es war ein Versehen. Der begossene Jurist giftet empört: „Hey, was soll denn das?“

          Längst verschüttet diese Thüringer SPD mehr als heißen Kaffee. Poppenhäger ist SPD-Vorsitzender von Erfurt. Aber seit er mit Matschie die Sondierungsgespräche sowohl mit Rot-Rot-Grün als auch mit der CDU geführt und der Landesvorstand mit einer Dreiviertelmehrheit für Koalitionsverhandlungen mit der CDU gestimmt hat, ist auch der linke Poppenhäger nicht mehr wohlgelitten in seinem Kreisverband. Alle dreizehn Erfurter Ortsvereine wollten Rot-Rot-Grün, schrieb Klatt der Versammlung ins Stammbuch. Nun wollten die eigenen Leute Poppenhäger „abzwiebeln“, sagt eine Sozialdemokratin aus einem anderen Kreisverband, aus deren Sicht die Erfurter ohnehin nicht zurechnungsfähig sind. In den jüngsten Parteitag seien die Delegierten aus Erfurt mit der Empfehlung gegangen, nicht den Landesvorsitzenden Matschie zu wählen. Das habe das Verhältnis zwischen Matschie und seinen Gegnern zerrüttet.

          Unter Matschies Gegnern ragt Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein wegen seiner Körpergröße, aber mehr noch wegen seines Zorns auf Matschie und dessen Parteitagsmehrheit am weitesten heraus. Der Samstag ließ erkennen, was unter einer „beinharten“ Auseinandersetzung zu verstehen ist, die Matschie in der SPD erwartet. Über die Morddrohung, die ihn vor einer Woche erreichte, weil er der CDU mehr traut als der Linkspartei, verliert er kein Wort, aber sie steckt ihm und seinen Freunden in den Gliedern. Die Thüringer, sagen Matschies Gegner, hätten den Wechsel gewählt. Die Basis wolle ein linkes Bündnis. In Erfurt, schätzt Oberbürgermeister Bausewein, wollten dies vier von fünf Sozialdemokraten. Auch der Geraer Oberbürgermeister Norbert Vornehm (SPD) hat „den Eindruck gewonnen, dass sehr viele Mitglieder eine andere Entscheidung erwartet und viele Wähler eine andere erhofft hatten“. Der einstige SPD-Vorsitzende Dewes brachte eine Urabstimmung über den Kurs der Partei ins Spiel. Bausewein und Vornehm warben schließlich für jenes „Basistreffen“, zu dem es am Samstag in Erfurt kam.

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