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Spanien : Sägen am Stuhlbein des spanischen Throns

  • -Aktualisiert am

Die königliche Familie um Juan Carlos I. (vorn) bei einer Militärparade 2009 Bild: Getty Images

Die Korruptionsaffäre um den Schwiegersohn und die Infantin Cristina belastet König Juan Carlos I. Aber noch stehen die wichtigsten Politiker des Landes fest hinter ihm.

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          Das härteste Urteil über Juan Carlos I. fällte nach der Weihnachtsansprache des Monarchen der spanische Kolumnist Enric González in der Zeitung „El Mundo“. „Der König“, so schrieb er, „verurteilt die Korruption und setzt sich dann mit ihr zu Tisch.“ Der Vorwurf saß. Denn tatsächlich fand der Bourbone, der vor nunmehr 38 Jahren noch von Francos Gnaden den Thron bestieg, nach einem neuerlichen Bekenntnis zu Transparenz und sauberen Verhältnissen an der heimischen Tafel auch den – sonst von allen offiziellen Anlässen ausgeschlossenen – Schwiegersohn Iñaki Urdangarin als Tischgenossen vor.

          Urdangarin und seine Frau Cristina, die jüngere Tochter des Königs, haben die Institution in eine beispiellose Bredouille gebracht. Der ehemalige Handballspieler, steht schon seit drei Jahren im Mittelpunkt von Ermittlungen wegen Betrugs und Missbrauchs öffentlicher Gelder. Seine Frau wurde nun wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung und Geldwäsche ebenfalls für März zu einer Vernehmung vorgeladen – wenn dies nicht, wie schon einmal, im letzten Augenblick von freundlichen Richtern und Staatsanwälten verhindert wird.

          Noch ein annus horribilis für die Monarchie

          War schon das alte Jahr abermals ein annus horribilis für die Monarchie, die unter anderem als Symbol der nationalen Einheit Spanien gegen die Anfechtungen katalanischer und anderer Separatisten verteidigen soll, so verspricht das neue Jahr noch mehr unliebsame Überraschungen. Dabei geht es inzwischen immer mehr um die Person des Königs selbst, der nach seiner dekadenten Elefantenjagd vor zwei Jahren inmitten der schweren Wirtschaftskrise sogar bei seinem Volk öffentlich Abbitte leisten musste. Juan Carlos, dem es zumindest die älteren Spanier noch hoch anrechnen, dass er sich bei einem Putschversuch franquistischer Militärs im Jahr 1981 erfolgreich auf die Seite der Verfassung und der Demokratie stellte, war aus dem Schatten der Diktatur herausgetreten und zu einem echten „Meritokraten“ geworden. Über Jahrzehnte ging alles gut. Auch antimonarchistische Spanier pflegten sich im Zweifel als „Juancarlisten“ zu bezeichnen. Gehorsame Medien und interessierte Politiker drückten allemal die Augen zu, wenn sie von Seitensprüngen und anderen Eskapaden ihres sympathischen, volkstümlichen und vitalen Königs hörten.

          Die große Krise, die Spanien seit dem Jahr 2008 belastet, hat nun aber die Toleranzschwelle der Bevölkerung erheblich gesenkt. Hinzu kommt, dass die Medien und eine um ihren unabhängigen Ruf besorgte Justiz, die an die Oberfläche geschwemmten Skandale nicht länger als Kavaliersdelikte behandeln. Niemand ist hier ungeschoren geblieben: die regierende Volkspartei des Ministerpräsidenten Mariano Rajoy mit ihren schwarzen Kassen, die oppositionelle sozialistische Partei mit ihrer betrügerischen Vetternwirtschaft in Andalusien, die katalanischen Nationalisten mit ihren mafiösen Strukturen, die Gewerkschaften, die den Staat und seine Subventionen als Selbstbedienungsladen benutzten – und eben auch das Königshaus, aus dem zum ersten Mal Fälle schamloser Bereicherung gerichtsrelevant zutage traten.

          Als die Demoskopen des unabhängigen Instituts Sigma Dos zum Jahreswechsel bei den Untertanen nachfragten, war das Ergebnis für die Krone niederschmetternd. Zum ersten Mal rutschte die Zustimmung zu der parlamentarischen Monarchie unter die Fünfzig-Prozent-Grenze. Für den König kam es sogar noch heftiger: Er bekam nur noch 41 Prozent Zuspruch, während 62 Prozent der Befragten sich für eine Abdankung aussprachen. Vor dem verhängnisvollen Jagdausflug in Botswana, bei dem Juan Carlos stürzte und sich verletzte, war der König im Jahr 2012 mit 76 Prozent noch der mit Abstand angesehenste Bürger seines Landes gewesen und auch die Institution Monarchie wirkte mit 70 Prozent gleichermaßen solide wie stabil. Fünf chirurgische Operationen – der letzte Eingriff an der Hüfte erfolgte im vorigen November – haben seitdem nicht nur die Gesundheit des Monarchen beeinträchtigt, sondern auch das Vertrauen in seine Handlungsfähigkeit geschwächt. Die einzigen Mitglieder des Königshauses, die einen Sympathiebonus und eine untadelige Reputation genießen, sind Königin Sofía und ihr Sohn, der Kronprinz Felipe. Von beiden haben zwei Drittel der Befragten eine gute oder sehr gute Meinung.

          Nervös, stotternd und konfus

          Wäre also die Zeit für einen Wechsel an der Spitze von Staat und Armee gekommen? Nicht wenn es nach dem berühmten Wort Sofías zu einer Biografin aus dem Jahr 2008 geht: „Abdanken? Niemals. Der König wird nie abdanken.“ In seiner jüngsten Weihnachtsansprache bestätigte Juan Carlos selbst, dass er unverändert und uneingeschränkt seine Pflicht erfüllen wolle. Einschränkungen gibt es freilich schon. Wegen der Krankenhausaufenthalte des Vaters musste Felipe wiederholt einspringen, von der Parade am Nationalfeiertag bis zu dem jüngsten hispano-amerikanischen Gipfel. Und als der König zu Epiphanias erstmals wieder auf zwei Krücken gestützt vor den Vertretern der Armee nervös, stotternd und konfus eine Rede vom Blatt las, wurde deutlich, dass er entgegen der Verlautbarungen seiner Adlaten noch nicht wieder in guter Verfassung ist. Der Chefadministrator des Palastes, Rafael Spottorno, schob es auf die schlechten Lichtverhältnisse. Kurz zuvor hatte Spottorno allerdings die Korruptionsaffäre von Schwiegersohn und Königstochter als ein „Martyrium“ für den König bezeichnet.

          Noch stehen die wichtigsten Politiker des Landes fest hinter Juan Carlos. Die Regierung, die Volkspartei und die Sozialisten enthielten sich jedes Kommentars in Sachen Infantin Cristina. Nur die üblichen republikanischen Verdächtigen aus der grün-kommunistischen Linken und der nationalistischen Peripherie sagten, sie hätten doch lieber eine andere Staatsform. Ihre beste Verbündete und zugleich die größte Gefahr für die Monarchie ist die Indifferenz der jungen Generation. Die Spanier unter 30 sprachen sich in jener Umfrage zum Jahresbeginn schon zu mehr als drei Vierteln für eine Abdankung des Königs aus.

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