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Spanien : Die marode Monarchie

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Alle Institutionen haben in Spanien an Ansehen verloren. Hier findet der König seine wahre Aufgabe.

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          Der ärgste Feind der spanischen Monarchie und des künftigen Königs Felipe VI. ist die Gleichgültigkeit seiner Altersgenossen und der noch Jüngeren. Die haben mehr oder weniger deutlich von den Verdiensten des Vaters Juan Carlos I. gehört. Sie wissen auch, dass es unter ihren Eltern mehr „Juancarlisten“ als echte Monarchisten gibt. Aber sie fragen sich, warum sie nach all den rufschädigenden Ereignissen der vergangenen zwei Jahre noch ein Königshaus mit Privilegien, Pomp und Palästen alimentieren sollen. Die Antwort, dass ein nützlicher König - wie das der Handelsreisende Juan Carlos bewiesen hat - mehr einbringt als die acht Millionen Euro, die sein Unternehmen jährlich kostet, leuchtet nicht allen ein.

          Auch die von der Verfassung klar formulierte Funktion des Monarchen, Symbol und Garant der nationalen Einheit zu sein, wird im politisch, ideologisch und regional zunehmend zerklüfteten Spanien nicht überall geschätzt. Die beiden großen Parteien, die regierenden Konservativen und die oppositionellen Sozialisten, sind zwar in diesem Punkt ausnahmsweise in einer großen Koalition vereint. Doch bei den Letztgenannten rumort doch noch das republikanische Erbe, und ihr demnächst zu bestimmender Generalsekretär ist vielleicht schon in der Praxis kein Monarchist mehr.

          Nach sechs wirtschaftlichen Krisenjahren und angesichts unablässig schürender Separatisten, vor allem in Katalonien und im Baskenland, zerrt es am inneren Zusammenhalt Spaniens wie nie zuvor in der vierzig Jahre währenden Geschichte der Demokratie. Im November wollen die Katalanen über einen Bruch mit Spanien abstimmen. Ob Felipe VI. das gleiche Gewicht wie sein Vater haben wird, um ihnen zusammen mit der Zentralregierung in den Arm zu fallen, muss sich erst noch weisen.

          Spanien ist nicht das Vereinigte Königreich, wo die Monarchie unabhängig von dem gerade den Thron besetzenden Personal feste Fundamente hat. Neben iberischen Stammeskonflikten hängt auch der Schatten der „zwei Spanien“ noch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Bürgerkriegs über dem Land. In den Regionen, die sich zwar zu „Europa“ bekennen, aber sich mit ihren Landsleuten nicht vertragen - galicische Unabhängigkeitsanhänger wollen die Uhr sogar um eine Stunde auf portugiesische Zeit zurückstellen -, leben nationalistische Parteien gut von der Forderung nach „Selbstbestimmung“. Sie biegen sich dazu sogar die eigene Geschichte und die des - nach Portugal - ältesten Nationalstaats des Kontinents zurecht. Und sie nutzen vor allem ihre Schulen zur Indoktrination. Das krasseste Beispiel ist das Baskenland, wo Radikale mit teils „national-sozialistischem“ Gedankengut den Zerfall Spaniens betreiben.

          Rajoy zieht den Karren aus dem Dreck

          In dieser Lage hat es ein König, der zwar über eine gediegene Ausbildung, aber sonst keine eigenen Meriten verfügt, nicht leicht. Außer dem Vater als Ratgeber werden ihm die beiden bei den Europawahlen gerade kräftig gezausten großen Parteien beispringen. Aber sie sind selbst in Existenznöten, weil sie, zusammengenommen, kaum noch eine absolute Mehrheit auf die Waage brachten. Sie sehen sich mit einem politischen Regenbogen aus gestärkten grünen Kommunisten und einer neuen Partei der „Empörten“ konfrontiert, die unter dem Etikett „Podemos“ („Wir werden es schaffen“) erstaunlich erfolgreich war.

          Krise und Korruption haben das Vertrauen der Spanier in alle wichtigen Institutionen des Staates, das Königshaus eingeschlossen, empfindlich gestört. Außer den Politikern leiden die Banker, Unternehmer, die Gewerkschaften und sogar die katholische Kirche unter massiven Prestigeverlusten. Es verwundert nicht, dass sie nun unter Hintanstellung sonstiger Differenzen den alten und neuen König zusammen mit der demokratischen Reife des Systems preisen.

          Hier wird ein bisschen im Walde gepfiffen, obwohl die rechtsstaatliche Ordnung im Kern solide anmutet. Ministerpräsident Mariano Rajoy ist dabei, den wirtschaftlichen Karren nach harten Jahren des Sparens und schmerzhafter sozialer Verwerfungen langsam aus dem Dreck zu ziehen. Doch beim Bürger sind die makroökonomischen Fortschritte noch nicht angekommen. Am Arbeitsmarkt - die Arbeitslosigkeit ist noch immer unerträglich hoch - zeigt sich der Aufschwung erst in Ansätzen.

          Das vermag selbst der talentierteste „Cheerleader“ im Palast nicht zu ändern. Erst müssen sich die spanischen Verhältnisse ändern; damit muss einhergehen, dass die Leute den Institutionen und deren Vertretern wieder vertrauen. Die Justiz arbeitet zwar langsam, aber beharrlich. Auch bei den Affären, die das Königshaus direkt betreffen, wird nicht mehr alles unter den Teppich gekehrt. Der neue König, dem die Machenschaften eines geldgierigen Schwagers schon genug geschadet haben, ist gewarnt. Er selbst ist frei von Verdächtigungen und Skandalen. Das erklärt, warum er, neben seiner Mutter Sofía, die höchsten Beliebtheitswerte hat. Diese lagen, als Juan Carlos vor 39 Jahren von Francos Gnaden den Thron bestieg, bei nicht einmal zehn Prozent. Das ist für den Sohn Trost und Ansporn.

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