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MAGA-Kappen gegen Pussy-Mützen

Von ANDREAS ROSS
© Braschler & Fischer

9. September 2020 · Wollen die Amerikaner überhaupt noch miteinander eine Nation bilden? Viele akzeptieren nicht mehr, dass auch Andersdenkende gute Absichten haben könnten. Andere leiden unter der Spaltung. Ein Essay mit Porträtfotos von Mathias Braschler und Monika Fischer.

Im April 2019 begannen die Schweizer Fotografen Monika Fischer und Mathias Braschler eine mehrere Monate und 15.000 Meilen lange Reise durch vierzig amerikanische Bundesstaaten. Mit dabei in ihrem zum Wohnmobil umgebauten Lieferwagen: ein Popup-Fotostudio. Dort porträtierten und interviewten sie Amerikaner, die ihnen aufgefallen waren. 66 dieser Fotos sind nun im Band „Divided We Stand“ veröffentlicht worden. Dort erschien auch dieser Essay des früheren Nordamerika-Korrespondenten der F.A.Z., Andreas Ross. Wir veröffentlichen den Text hier mit acht Fotos von Braschler und Fischer. In den Bildunterschriften lesen Sie, was die Porträtierten den Fotografen über ihr Land, dessen Politik und den amtierenden Präsidenten anvertrauten.


These People

<b>Mathias Braschler und Monika Fischer: Divided We Stand. Hartmann Books, Stuttgart 2020. 160 Seiten, 39 Euro.</b>
Mathias Braschler und Monika Fischer: Divided We Stand. Hartmann Books, Stuttgart 2020. 160 Seiten, 39 Euro. © Braschler & Fischer
Donald Trump war seit sechs Wochen Präsident der Vereinigten Staaten, als ich nach Zentralflorida reiste. Wie überall im Land hatten sich dort zahlreiche Trump-Gegner verabredet, eine Bürgerversammlung des örtlichen Kongressabgeordneten aufzumischen, eines Trump-Unterstützers. Während andere Republikaner ihre Wahlkreise in jenen aufgewühlten Zeiten lieber mieden, hatte der Abgeordnete an dem Auftritt festgehalten. War dieser Dialog vielleicht ein Silberstreif am Horizont?

Während des Wahlkampfs von 2016 hatte ich immer wieder erlebt, wie selten das eine Amerika überhaupt noch mit dem anderen in Berührung kommt. An diesem Morgen aber versammelten sich engagierte Bürger aus beiden Lagern in einer Baptistenkirche. Hier viele Frauen, die mit selbstgehäkelten „Pussy-Mützen“ gegen Trumps Sexismus protestierten. Dort etliche Männer mit „Make America Great Again“-Kappen, die sich nach acht Jahren unter dem Demokraten Barack Obama auf einen Neubeginn freuten.

Die Menschen sind sich nicht an die Gurgel gegangen. Doch wen auch immer ich befragte, viele Antworten begannen mit zwei verächtlich intonierten Worten: „These people…“ Und zwar auf beiden Seiten. „Diese Leute wollen sich nicht mit dem modernen, bunten Amerika abfinden“, sagte die weiße Mutter eines dunkelhäutigen Kindes pauschal über die knapp 63 Millionen Wähler des Präsidenten. Ein Konservativer stempelte Trumps Kritiker allesamt als Vaterlandsfeinde ab: „Diese Leute wollen unsere Flagge entweihen, sie stehen nicht auf zum Fahneneid und sie kämpfen gegen unsere Verfassung.“ Nein, die in der Kirche versammelten Amerikaner verspürten keine Neigung, ihrem Staatsmotto „E pluribus unum“ nachzuspüren, sich ihrer Vielfalt zu freuen und Verbindendes zu suchen. Sie taten sich schwer, einander überhaupt als Mitbürger anzuerkennen.

„These people…“ Mir wurde bewusst, wie oft ich das auf meinen Reportage-Reisen schon gehört hatte. Der Hang zur Pauschalisierung und zum Lagerdenken ist ja nicht erst mit Donald Trump über Amerika gekommen. Im Jahr 2008 zum Beispiel hatte Barack Obama im Vorwahlkampf dargelegt, was die Deindustrialisierung weiter Teile des Landes in der Arbeiterklasse anrichte: „Die Leute verbittern, sie klammern sich an Waffen oder Religion oder Antipathie gegenüber Leuten, die nicht wie sie sind“, analysierte der Demokrat. Doch Millionen gläubiger Christen, ob Jäger, hochgerüstete Sportschützen oder einfach nur Kirchgänger, fühlten sich nicht verstanden, sondern abgekanzelt – und sahen sich in ihrem Argwohn gegen „diese Leute“ aus Obamas Lager bestätigt. Noch heute stehen die Chancen gut, dass man in einem Waffenladen in Georgia oder in einem Anglershop in Montana trotzige Aufkleber fürs Auto kaufen kann: „Warning: I am a bitter gun owner clinging to my religion.“ (Achtung: Ich bin ein verbitterter Waffenbesitzer, der sich an seine Religion klammert.)

<b>Emily, Cheerleaderin der Patriots. Gillette Stadium, Foxborough, Massachusetts.</b> „Ich denke gern, dass ich ein Vorbild bin, vor allem für junge Männer und Frauen. Ich meine, sogar meine Mum schaut zu mir auf, weil sie die harte Arbeit sieht, die ich hineinstecke, um hier zu sein. Sie schätzt es wirklich, dass ihre Tochter, jemand, den sie erzogen hat, diese Entschlossenheit zeigt. Und es ist nicht so, dass ich in meinem ersten Jahr gleich im Team war. Es hat drei Jahre gebraucht, bis ich so weit kam. Und so denke ich, wenn die Leute mich so sehen, respektieren sie das.“
Emily, Cheerleaderin der Patriots. Gillette Stadium, Foxborough, Massachusetts. „Ich denke gern, dass ich ein Vorbild bin, vor allem für junge Männer und Frauen. Ich meine, sogar meine Mum schaut zu mir auf, weil sie die harte Arbeit sieht, die ich hineinstecke, um hier zu sein. Sie schätzt es wirklich, dass ihre Tochter, jemand, den sie erzogen hat, diese Entschlossenheit zeigt. Und es ist nicht so, dass ich in meinem ersten Jahr gleich im Team war. Es hat drei Jahre gebraucht, bis ich so weit kam. Und so denke ich, wenn die Leute mich so sehen, respektieren sie das.“ © Braschler & Fischer


Gut acht Jahre später sollte Hillary Clinton in ihrem Wahlkampf gegen Trump in die gleiche Falle laufen. Als sie in New York vor wohlhabenden Spendern sprach, die sich für die Rechte von Lesben und Schwulen einsetzen, stopfte sie die Hälfte aller Trump-Unterstützer in einen „Korb der Beklagenswerten“. Diese Leute könne man abschreiben, sie seien schlicht „rassistisch, sexistisch, homophob, xenophob, islamophob“, führte Clinton aus. Eine Frau, die zwei Monate später zur Präsidentin aller Amerikaner gewählt werden wollte, stempelte Dutzende Millionen von ihnen als „Beklagenswerte“, als „Deplorables“ ab.

Und die „Deplorables“ erklärten Clintons Stempel zum Gütesiegel. Auf fast jeder Trump-Kundgebung, aber auch auf einem Jahrmarkt im Mittleren Westen, einem Rodeo in den Rocky Mountains oder einem Autorennen im Rust Belt habe ich in den vergangenen Jahren Frauen und Männer gesehen, die sich auf ihren T-Shirts stolz als „Deplorables“ vorstellten. Am meisten hat mich eine füllige Frau in einem pinken Kleid beeindruckt, auf dem sogar „Adorable Deplorable“ stand. Diese „bezaubernde Beklagenswerte“ erzählte mir mit dem strahlenden Selbstbewusstsein vieler Amerikaner, was ich schon von so vielen Trump-Wählern gehört hatte: dass nämlich Worte wie „Rassist“ oder „Sexist“ bloß Etiketten seien, die eine „politisch korrekte“ Elite „an den Küsten“ rechtschaffenen Amerikanern auf die Stirn klebe. Um ihnen nicht zuhören zu müssen.

<b>Don Jackson (52), Sheriff. Johnson City, Texas.</b> „Texas ist mein Zuhause. Ich bin sehr stolz auf diesen Staat. Sehr stolz darauf, für was Texas steht. Sehr konservativ, sehr willensstark und unabhängig. Wie es immer schon war.“
Don Jackson (52), Sheriff. Johnson City, Texas. „Texas ist mein Zuhause. Ich bin sehr stolz auf diesen Staat. Sehr stolz darauf, für was Texas steht. Sehr konservativ, sehr willensstark und unabhängig. Wie es immer schon war.“ © Braschler & Fischer


Für die „Deplorables“ ist Trump einer von ihnen

Umso leichter konnten sich die „Deplorables“ ausgerechnet mit dem schillernden New Yorker Society-Milliardär Trump identifizieren, denn der wurde tagtäglich wegen seines Rassismus, seiner Frauen- und Fremdenfeindlichkeit angegriffen und gab niemals klein bei. Als Trump am 20. Januar 2017 in Washington vereidigt wurde, gelobte er, „das amerikanische Gemetzel hier und jetzt zu beenden“. Die meisten Journalisten auf der Pressetribüne schüttelten den Kopf. Aber Zigtausende Anhänger auf der National Mall vor dem Kapitol fühlten sich verstanden. Einige von ihnen feierten Trump am Abend auf einem „Deplora-Ball“ in Washington.

Was sagt es über die amerikanische Gesellschaft aus, dass sich so viele Menschen so offensiv zu dem Zerrbild bekennen, das andersdenkende Politiker und Mitbürger von ihnen zeichnen? Es zeigt, wie sehr sich die politische Polarisierung zugespitzt hat. Es geht nicht mehr allein darum, dass die Überzeugungen von Konservativen und Linksliberalen in vielen Fragen von Abtreibung bis Zuwanderung meilenweit auseinanderliegen.

<b>Kristal Allen (33), achtfache Mutter, mit Aaliyah Hogan (13) and ZyHara Bryant (4).  Hollandale, Mississippi. </b> „Es gab Zeiten, wo wir ohne Essen auskommen mussten, ich hab schwere Zeiten hinter mir, (…) aber ich muss doch alles tun, um meinen Kindern zu essen zu geben. Zum Beispiel versuche ich, mir Geld zu leihen oder so was, um meine Kinder ernähren zu können. Oft hat das Essen zwar für meine Kinder gereicht, aber nicht für mich. Also hab ich geschaut, dass sie versorgt waren und nicht mehr hungrig. Und ich esse dann einfach was Süßes oder so was, aber es macht halt nicht satt. Ich hab viel durchgemacht. Ich meine, ich hab einen schweren Weg hinter mir.“
Kristal Allen (33), achtfache Mutter, mit Aaliyah Hogan (13) and ZyHara Bryant (4). Hollandale, Mississippi. „Es gab Zeiten, wo wir ohne Essen auskommen mussten, ich hab schwere Zeiten hinter mir, (…) aber ich muss doch alles tun, um meinen Kindern zu essen zu geben. Zum Beispiel versuche ich, mir Geld zu leihen oder so was, um meine Kinder ernähren zu können. Oft hat das Essen zwar für meine Kinder gereicht, aber nicht für mich. Also hab ich geschaut, dass sie versorgt waren und nicht mehr hungrig. Und ich esse dann einfach was Süßes oder so was, aber es macht halt nicht satt. Ich hab viel durchgemacht. Ich meine, ich hab einen schweren Weg hinter mir.“ © Braschler & Fischer

Viel stärker noch als solche Haltungen in Sachfragen prägt inzwischen negative Parteilichkeit die Identitäten der Amerikaner: In erster Linie geht es darum, das jeweils andere Lager zu zerstören. In Wahlkampfzeiten muss man nur kurz den Fernseher anschalten oder sein Facebook-Profil aufrufen, um zu spüren, wie hässlich das ist. Mehr als 80 Prozent aller Wahlwerbung dient heute nicht etwa dazu, den eigenen Kandidaten zu rühmen und dessen Überzeugungen zu begründen, sondern die Konkurrenz zu dämonisieren. Lügen gehören dazu. Der Zweck heiligt die Mittel, denn dem politischen Gegner werden keine positiven Absichten zugebilligt, wird immer öfter jede Moral abgesprochen. Das ist mehr als Polarisierung. Das ist schon eher eine Stammesfehde, ausgetragen mit den Mitteln der Informationsgesellschaft.

Nachts vom Cousin auf die Straße gesetzt – wegen Fox News

Meistens macht es trotzdem Spaß, mit Amerikanern zu reden, die für eine Sache brennen, welche es auch sei. Dem europäischen Reporter fallen zuerst die Gemeinsamkeiten auf. Egal, ob sich ein Elternvertreter dafür einsetzt, allen seit Kindesalter im Land lebenden Ausländern ohne Aufenthaltspapiere endlich die amerikanische Staatsbürgerschaft zu verleihen, oder ob eine Schulleiterin dafür wirbt, möglichst viele Lehrer zu bewaffnen, um Schüler vor Amokläufern zu beschützen – meist hat man es mit Begeisterten zu tun, die zwar von ihrer Position überzeugt sind, die aber auch versichern, sie wären zu Kompromissen bereit, wenn ihnen die „andere Seite“ bloß einmal zuhören würde.

Doch wenn Politiker tatsächlich Kompromisse eingehen werden sie von den Meinungsmachern schnell als Verräter gebrandmarkt. In diesem Klima der Konfrontation beißen sich die sonst so offenherzigen Amerikaner lieber auf die Zunge, als im Kreis von Nachbarn oder Kollegen eine politische Bemerkung fallen zu lassen. Nur wer sicher sein kann, von Gleichgesinnten umgeben zu sein, würde es heute noch wagen, nach dem Kirchgang oder auf der Arbeit einen Tweet von Donald Trump oder ein Urteil des Obersten Gerichts anzusprechen. Zu groß ist die Gefahr, dass aus einer sachlichen Meinungsverschiedenheit eine feindselige Auseinandersetzung wird, und die wenigsten Amerikaner sehnen sich nach solchem Streit. In der Corona-Pandemie haben manche Leute deshalb sogar monatelang den Mund-Nasen-Schutz gemieden. Sie wollten nicht von konservativen Nachbarn als „einer von denen“ beschimpft werden – schließlich hatte Trump die Infektionsgefahr kleingeredet.

<b>Cliff Broussard (30) und Thor Delcambre (29), Waffenhersteller. Carencro, Louisiana. Cliff: </b> „Wenn du in der Stadt lebst, hast du keine Hobbys wie Jagen. Du schießt nicht in deiner Freizeit, du übst nicht zielen oder solche Sachen. Als Zeitvertreib, weißt du. Ich meine, Waffen sind wie Baseball. Das ist amerikanisch.“ <b>Thor: </b> „Wenn man sich die großen Städte wie Detroit oder New York anschaut, die Menschen dort glauben nicht daran, dass man eine Schusswaffe besitzen sollte. Na ja, dabei ist das einer der unsichersten Orte, wo man sein kann. Sie werden von Kriminellen mit Schusswaffen angegriffen und haben selbst keine, um sich zu schützen. Und in den meisten Fällen würde kein Waffengesetz verhindern, was längst passiert ist. Und so denke ich, den Zugang zu Waffen schwieriger zu machen …“ <b>Cliff: </b> „…macht die Leute auch weniger sicher.“
Cliff Broussard (30) und Thor Delcambre (29), Waffenhersteller. Carencro, Louisiana. Cliff: „Wenn du in der Stadt lebst, hast du keine Hobbys wie Jagen. Du schießt nicht in deiner Freizeit, du übst nicht zielen oder solche Sachen. Als Zeitvertreib, weißt du. Ich meine, Waffen sind wie Baseball. Das ist amerikanisch.“ Thor: „Wenn man sich die großen Städte wie Detroit oder New York anschaut, die Menschen dort glauben nicht daran, dass man eine Schusswaffe besitzen sollte. Na ja, dabei ist das einer der unsichersten Orte, wo man sein kann. Sie werden von Kriminellen mit Schusswaffen angegriffen und haben selbst keine, um sich zu schützen. Und in den meisten Fällen würde kein Waffengesetz verhindern, was längst passiert ist. Und so denke ich, den Zugang zu Waffen schwieriger zu machen …“ Cliff: „…macht die Leute auch weniger sicher.“ © Braschler & Fischer

Besonders Ältere, die andere Zeiten kannten, lamentieren darüber. In Iowa hat mir eine ältere Dame erzählt, wie sie auf einer Reise einen Vetter in Texas besuchte, den sie viele Jahre lang nicht gesehen hatte. Er lud sie ein, in seinem Haus zu übernachten. Als sie dann aber eine spöttische Bemerkung über das machte, was ein Kommentator gerade im konservativen Sender Fox News von sich gab, habe er sie hinausgeworfen: „Mitten in der Nacht musste ich mir ein Motel suchen.“

Trump verstärkte die Angst vor dem Truthahn

Im Freundeskreis habe ich erlebt, wie angespannt viele Amerikaner inzwischen dem Truthahnessen mit der oft weit verstreut lebenden Verwandtschaft am Thanksgiving-Fest entgegensehen. Anhand von Handy-Bewegungsdaten wollen Forscher denn auch ermittelt haben, dass die Familienfeiern zum Erntedankfest kurz nach Trumps Wahl insgesamt 34 Millionen „Mannstunden“ kürzer ausfielen. Immer seltener komme es vor, so die Studie von Verhaltensökonomen der University of California in Los Angeles, dass Personen aus überwiegend „blauen“, also demokratisch dominierten, Wahlbezirken ein Familienfest in einer „roten“ republikanischen Gegend besuchen – und umgekehrt.

Und die allermeisten Amerikaner leben inzwischen in Gegenden, die nach der Logik des Zwei-Parteien-Systems entweder tiefrot oder tiefblau sind. In 60 Prozent aller Landkreise gewannen Trump oder Clinton 2016 mit mindestens 20 Prozentpunkten Vorsprung. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die Anhänger beider Parteien in den meisten Gebieten des Landes ungefähr die Waage hielten. Die Amerikaner haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten neu sortiert: Republikaner leben unter Republikanern, Demokraten unter Demokraten.

<b>Siri Cortez (19), Studentin. Brooklyn, New York. </b> „Das größte Problem dieses Landes sind eindeutig die Vermögensunterschiede, die wiederum zu Rassendiskriminierung führen … Nein, Rassendiskriminierung und Wohlstandsgefälle sind untrennbar miteinander verbunden. Ehrlich, der Kapitalismus ist ein riesiges Problem, weil er als Wirtschaftssystem einfach nicht funktioniert. Er setzt Ungleichheit voraus. Er setzt voraus, dass jemand für jemanden arbeitet. Ich sage nicht, dass wir einen kommunistischen Staat brauchen, aber wir sollten sozialistische Ideen berücksichtigen, wenn wir in andere Länder wie die Schweiz oder die Niederlande schauen. Es geht ihnen gut und ihre Wirtschaftssysteme sind deutlich anders, selbst ihre Vorstellungen vom Zusammenleben verschiedener Ethnien. Also ja, der Kapitalismus sollte definitiv verändert werden, und ich denke, viele Dinge werden sich dann auch ändern.“ </b>
Siri Cortez (19), Studentin. Brooklyn, New York. „Das größte Problem dieses Landes sind eindeutig die Vermögensunterschiede, die wiederum zu Rassendiskriminierung führen … Nein, Rassendiskriminierung und Wohlstandsgefälle sind untrennbar miteinander verbunden. Ehrlich, der Kapitalismus ist ein riesiges Problem, weil er als Wirtschaftssystem einfach nicht funktioniert. Er setzt Ungleichheit voraus. Er setzt voraus, dass jemand für jemanden arbeitet. Ich sage nicht, dass wir einen kommunistischen Staat brauchen, aber wir sollten sozialistische Ideen berücksichtigen, wenn wir in andere Länder wie die Schweiz oder die Niederlande schauen. Es geht ihnen gut und ihre Wirtschaftssysteme sind deutlich anders, selbst ihre Vorstellungen vom Zusammenleben verschiedener Ethnien. Also ja, der Kapitalismus sollte definitiv verändert werden, und ich denke, viele Dinge werden sich dann auch ändern.“ © Braschler & Fischer

Das führt zur Henne-Ei-Frage der amerikanischen Sozialwissenschaft: Suchen sich Konservative und Linksliberale gezielt Wohngegenden mit politisch Gleichgesinnten aus, angezogen vom wohligen Widerhall ihrer eigenen Überzeugungen? Oder sind es eher die Wohnorte und Nachbarschaften, welche durch sozialen Druck und Gruppendenken die politischen Überzeugungen der Bewohner prägen? Sicher ist, dass heute ein beispiellos enger Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdichte und Parteipräferenzen besteht.

Die Zwei-Farben-Lehre trügt

Die Reaktionen der Parteien auf die von Martin Luther King angeführte Bürgerrechtsbewegung haben nach den 1960er-Jahren das politische Koordinatensystem verändert. Im Ergebnis sind die Republikaner zwar noch die Vertreter von „Big Business“, aber nicht mehr so sehr der liberalen Großstadtelite. Mit ihrem Beharren auf einer konservativen Gesellschaftspolitik haben sie vielmehr die weiße Arbeiterklasse zu ihrer Stammklientel gemacht. Die Demokratische Partei wiederum, einst im Süden Garantin der Rassentrennung und im Norden Schutzmacht aller Gewerkschafter, ist heute in erster Linie die Partei der Akademiker und der Nicht-Weißen aller Klassen, kurz: die Partei der Städter.

Doch das urbane und das ländliche Amerika haben kaum Berührungspunkte. Im Mittleren Westen wähnen sich die Leute im Herz der Nation, im „American Heartland“. Für manche Amerikaner aus Boston oder New York aber ist das nur „Flyover Country“, auf das man auf der sechs Stunden langen Flugreise nach San Francisco buchstäblich hinabblickt. Die Fotografen Mathias Braschler und Monika Fischer haben sich auf ihrem Roadtrip für beides viel Zeit gelassen: für die Küsten an Atlantik und Pazifik und für das große Dazwischen. Ihre Werke zeigen, dass es in Wirklichkeit überall Vielfalt gibt: blaue Enklaven in roten Staaten, rote Tupfer in blauen Landstrichen. Und vor allem Menschen, die in ihren Identitäten ungleich vielschichtiger sind, als es die politische Zwei-Farben-Lehre glauben macht.

<b>David Geiger (61), Amish, Lehrer. Way Farm, Hillsboro, Wisconsin. </b> „Ich kenne Donald Trump seit vielen Jahren. Ich fand ihn immer sehr schrill. Er redete nur von Reichtum, und ich hielt ihn für einen ziemlichen Witz. Und im Grunde genommen denke ich von ihm als Person immer noch so. Ich halte nicht viel davon, wie er sich verhält, aber einige seiner Schachzüge als Präsident gefallen mir. Ich habe für Trump gestimmt.“
David Geiger (61), Amish, Lehrer. Way Farm, Hillsboro, Wisconsin. „Ich kenne Donald Trump seit vielen Jahren. Ich fand ihn immer sehr schrill. Er redete nur von Reichtum, und ich hielt ihn für einen ziemlichen Witz. Und im Grunde genommen denke ich von ihm als Person immer noch so. Ich halte nicht viel davon, wie er sich verhält, aber einige seiner Schachzüge als Präsident gefallen mir. Ich habe für Trump gestimmt.“ © Braschler & Fischer

Es gab eine Zeit, da fand die Nation abends vor den Fernsehgeräten zusammen. Einem Walter Cronkite oder einer Barbara Walters vertrauten Amerikaner aller Schichten und Ideologien, wenn sie bei CBS, ABC oder NBC die Nachrichten des Tages einordneten. Bis 1987 galt eine „Fairness-Doktrin“: Die Kommunikationsbehörde verlangte ausgewogene Berichterstattung. Doch das Kabelfernsehen machte diese Regulierung obsolet, und sobald sie fiel, bewiesen scharfzüngige Radiotalker wie Rush Limbaugh, dass es einen großen Hunger nach rechts-alternativer Politikauslegung gab.

Ein im Mittleren Westen populärer Radiotalker, der Limbaugh nacheifert, hat mir erzählt, dass er sich nicht als Moderator, sondern als Gladiator sehe – „und die Leute wollen immer mehr Blut sehen“. Für seine täglich dreistündige Sendung warb er mit dem Slogan: „Fast alles, was wir sagen, ist in Europa verboten.“ Er gab zu, dass er mit groben Zuspitzungen und Beleidigungen den Keil tiefer in die Gesellschaft treibe. Er fand aber nichts dabei, denn schließlich gebe es einen Markt dafür. Polarisierung ist in Amerika nicht zuletzt ein erfolgreiches Geschäftsmodell.

<b>Jerome Jones und Ronnie Reed Jr., High-School-Schüler. Belzoni, Mississippi. </b>  Jerome: „Ich seh kein vereintes Land. Zum Beispiel, wie die Polizei mit Schwarzen umgeht … wie die weiße Polizei mit Schwarzen umgeht. Sie können jemanden in den Rücken schießen und werden dann suspendiert ohne Bezahlung oder so ähnlich. Aber lass einen Schwarzen jemanden erschießen – wir bekommen hundert Jahre bis lebenslänglich, ohne Möglichkeit auf Bewährung. Das kann nicht richtig sein. Wenn ein Officer jemanden, der keine Waffe bei sich trägt, erschießt, dann sollten dieselben Regeln gelten wie bei allen anderen auch, und nicht: ,Oh, sie arbeiten im Namen des Gesetzes, sie können nicht eingesperrt werden, sie können nur ohne Bezahlung suspendiert werden.’ Das ist nicht genug, um für das Leben von jemandem zu bezahlen.
Jerome Jones und Ronnie Reed Jr., High-School-Schüler. Belzoni, Mississippi. Jerome: „Ich seh kein vereintes Land. Zum Beispiel, wie die Polizei mit Schwarzen umgeht … wie die weiße Polizei mit Schwarzen umgeht. Sie können jemanden in den Rücken schießen und werden dann suspendiert ohne Bezahlung oder so ähnlich. Aber lass einen Schwarzen jemanden erschießen – wir bekommen hundert Jahre bis lebenslänglich, ohne Möglichkeit auf Bewährung. Das kann nicht richtig sein. Wenn ein Officer jemanden, der keine Waffe bei sich trägt, erschießt, dann sollten dieselben Regeln gelten wie bei allen anderen auch, und nicht: ,Oh, sie arbeiten im Namen des Gesetzes, sie können nicht eingesperrt werden, sie können nur ohne Bezahlung suspendiert werden.’ Das ist nicht genug, um für das Leben von jemandem zu bezahlen. © Braschler & Fischer

Und spätestens seit Trump die amerikanische Politik dominiert, ist der lukrative Furor auf beiden Seiten des Grabens zu Hause. Die sogenannten sozialen Medien haben das Ihre dazu beigetragen, dass es in Amerika heute zwei Wirklichkeiten, dass es Fakten und „alternative Fakten“ gibt. Das Pew Research Center wies zu Beginn des Wahljahres 2020 nach, dass sich Anhänger der Demokraten und der Republikaner mittlerweile aus fast komplett verschiedenen Quellen informieren. Eine Qualitätszeitung mit sehr hohem journalistischem Standard wie die New York Times oder der einstmals neutrale Nachrichtensender CNN werden von konservativen Amerikanern heute genauso selbstverständlich als linke Propaganda abgetan wie Demokraten Trumps Lieblingssender Fox News verachten.

Als ich zum ersten Mal die Fotografien von Mathias Braschler und Monika Fischer betrachtete, kamen mir viele der Porträtierten wunderbar vertraut vor. Es ist heute das Privileg des ausländischen Betrachters, mit fast allen Amerikanern ins Gespräch kommen zu können. Oft genug landet man in ihren Wohnzimmern, feiert man mit ihnen alsbald einen Gottesdienst oder speist im Kreis ihrer Freunde. Man hört ihre Geschichten, Erzählungen von Zuversicht und Zweifel, von Dankbarkeit und Trotz.

Wenn die Amerikaner auch miteinander wieder ins Gespräch kämen, dann verlöre die Stammesfehde schnell ihre zwingende Logik. Dann wären anstelle von „these people“ bald die Scharfmacher in der Politik, in den Medien und in den Interessengruppen als die eigentlichen Feinde des amerikanischen Versprechens „E pluribus unum“ entlarvt. Nichts wäre den Amerikanern mehr zu wünschen. Denn die Unversöhnlichkeit sieht ihnen nicht ähnlich.

<b>Franklin L. Woodruff, Vorsitzender des Capt. John M. Bradley Camp 384, Sons of Confederate Veterans, und Frances K. Woodruff, Vorsitzende der Winston Guards 2643, United Daughters of the Confederacy. Louisville, Mississippi. Franklin: </b> „Wir würden gern sehen, dass einige der führenden Politiker und dergleichen endlich damit beginnen, die Wahrheit zu sagen, die echte Wahrheit, und damit aufhören, sich gegenseitig auszuspielen. Das kommt alles von der Politik, und ich würde es wirklich begrüßen, wenn die führenden Politiker dieses Landes die Dinge auch beruhigen würden.“ <b> Frances: </b> „Ja, das ist eine schöne Formulierung: die Dinge beruhigen. Wir sind ein Land, wir sind ein vereintes Land, wir sollten ein vereintes Land sein, nicht dieses Grüppchen hier, das sich über alles und jeden dort aufregt, der sich wiederum über etwas aufregt, sondern wir sollten uns zusammenreißen, um dieses Land vorwärts zu bringen.“
Franklin L. Woodruff, Vorsitzender des Capt. John M. Bradley Camp 384, Sons of Confederate Veterans, und Frances K. Woodruff, Vorsitzende der Winston Guards 2643, United Daughters of the Confederacy. Louisville, Mississippi. Franklin: „Wir würden gern sehen, dass einige der führenden Politiker und dergleichen endlich damit beginnen, die Wahrheit zu sagen, die echte Wahrheit, und damit aufhören, sich gegenseitig auszuspielen. Das kommt alles von der Politik, und ich würde es wirklich begrüßen, wenn die führenden Politiker dieses Landes die Dinge auch beruhigen würden.“ Frances: „Ja, das ist eine schöne Formulierung: die Dinge beruhigen. Wir sind ein Land, wir sind ein vereintes Land, wir sollten ein vereintes Land sein, nicht dieses Grüppchen hier, das sich über alles und jeden dort aufregt, der sich wiederum über etwas aufregt, sondern wir sollten uns zusammenreißen, um dieses Land vorwärts zu bringen.“ © Braschler & Fischer

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 09.09.2020 17:34 Uhr