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Somalia : Die Erben des „Mad Mullah“

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In Somalia ist eingetreten, was andere Länder im erweiterten Nahen Osten schon vor vielen Jahren erlebt haben: das endgültige Erstarken der traditionellen islamischen Kräfte und des Islamismus.

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          In Somalia ist eingetreten, was andere Länder im erweiterten Nahen Osten schon vor vielen Jahren erlebt haben: das endgültige Erstarken der traditionellen islamischen Kräfte und des Islamismus. Die internationale Intervention (1992 bis 1995) hat das Land nicht befrieden können - man erinnert sich noch an die Präsenz deutscher Soldaten in Belet Huen nahe der äthiopischen Grenze. Für die Amerikaner gilt das Horn von Afrika, zu dem neben Somalia auch das kleine Djibouti - vormals Französisch Somaliland - gehört, zusammen mit dem benachbarten Jemen schon lange als Brutstätte islamistischen Terrorismus und als Rückzugsgebiet von Al-Qaida-Leuten.

          Diese Einschätzung mag etwas übertrieben sein, doch es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Bewegung der Scharia-Gerichte in Somalia faktisch die Macht übernommen hat. Die sogenannte Übergangsregierung in Baidoa kann erst durch die Militärintervention Äthiopiens etwas Stärke zeigen - ob sie damit auch an Einfluß gewinnt, muß sich erweisen. Die Scharia-Gerichte genießen offenkundig bei einem nicht geringen Teil der somalischen Bevölkerung hohes Ansehen, weil sie dem vorherrschenden Chaos entgegensteuern - durch eine Härte, die im Westen als archaisch empfunden wird. Die Bevölkerung schätzt diese Härte offenbar mehr als die Unsicherheit und Brutalität, die in den Jahren zuvor von den verschiedenen „Kriegsherren“ ausging.

          Ein neuer Großkonflikt?

          Baut sich nun am strategisch so wichtigen Horn von Afrika ein neuer Großkonflikt auf? Es könnte etwa um die äthiopische Ostprovinz Ogaden gehen, in der Angehörige somalischer Stämme wohnen und um die es schon mehrere blutige Kriege gegeben hat, zuletzt in den siebziger Jahren. Auch das seit Jahren von Unruhe, Bürgerkrieg und Völkermord (Darfur) erfaßte Sudan, in dem Islamisten an der Macht sind, ist nicht allzu weit entfernt. Sudanesische Prediger sollen in Somalia tätig sein.

          Auseinandersetzungen der Somalier mit den Äthiopiern haben eine Geschichte, die bis in das 16. Jahrhundert zurückreicht. Damals überfielen die christlichen Bewohner des abessinischen Hochlandes das muslimische Sultanat von Adal in der Absicht, sich einen Zugang zum Meer zu verschaffen. Das war und ist für den Binnenstaat Äthiopien immer ein Problem gewesen. Doch die Somalen setzten sich erfolgreich zur Wehr, als sie unter Führung von Imam Ahmad Gurey zum Gegenschlag antraten und weit nach Abessinien vordrangen. 1542 wurde der charismatische Führer der Somalier allerdings getötet, als einige mit Feuerwaffen kämpfende Portugiesen den Äthiopiern zu Hilfe eilten.

          Geprägt von Eingriffen fremder Mächte

          Auch Somalia trägt an einem historischen Erbe, das mit vielen Eingriffen regionaler wie westlicher Mächte verbunden ist. Die im Landesinneren weitgehend vom Nomadentum, an der Küste jedoch vom Seehandel geprägten Somalen, ein großgewachsener, schlanker Menschenschlag (Nachfahren des zur Legende gewordenen antiken Landes Punt, das von Weihrauch, Myrrhe und Gewürzen lebte), konnten bis zum Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts diese auswärtigen Einflüsse jedoch immer wieder erfolgreich abwehren, bis am Ende Franzosen, Italiener und Engländer „Somaliland“ doch unter ihre Herrschaft brachten, unter anderem durch Schutzverträge mit somalischen Clans. Auch dem Sultan von Sansibar wurden somalische Gebiete abgekauft. Der äthiopische Kaiser Menelik hatte Teile des Gebietes im Landesinneren vorübergehend unter seine Botmäßigkeit gebracht.

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