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Somalia : Deutsche Marine muss ihren Platz im Anti-Terror-Kampf noch finden

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Gefährlicher Einsatz: Marinesoldaten auf der Fregatte „Emden” Bild: dpa

Sie sollen gefährliche Terroristen abfangen. Doch die deutsche Flotte sieht ihre Mission am Horn von Afrika mit großer Gelassenheit. Eine Reportage.

          Sie sollen gefährliche Terroristen abfangen, Extremisten die Nachschubwege abschneiden und sind auf dem Weg in ein Gebiet, das als Piraten-Eldorado bekannt ist. Doch die Besatzung des deutschen Flottenverbandes, der auf seiner Fahrt zum Anti-Terror- Einsatz am Horn von Afrika inzwischen den Suez-Kanal erreicht hat, sehen ihre Mission mit großer Gelassenheit.

          Auch die Tatsache, dass ihr Auftrag „irgendwo im Gebiet zwischen dem Roten Meer, dem Persischen Golf und dem Indischen Ozean“ eine Woche vor der geplanten Ankunft vor der Küste von Dschibuti noch nicht klar umrissen ist, stört die meisten der bisher rund 1.400 Besatzungsmitglieder wenig. Wach-Aufträge und nächtliche Übungen sorgen außerdem dafür, dass die Männer und Frauen auch beim Warten, acht Seemeilen vor der ägyptischen Hafenstadt Port Said, wo sie die Durchfahrterlaubnis für den Kanal erhalten, nicht viel Zeit zum Grübeln haben.

          Zu Beginn "Integrations-Übung"

          Inzwischen steht fest, dass die Deutschen am Horn von Afrika erst einmal eine drei- bis fünftägige „Integrations-Übung“ mit Kameraden aus anderen Staaten absolvieren müssen. Das sind nicht wenige oder wie es ein Besatzungsmitglied des Flaggschiffes „Bayern“ locker formuliert: „Da schwimmt jetzt schon unheimlich was 'rum“. Durch den im Vergleich zu anderen Nationen recht langwierigen politischen Entscheidungsprozess kommen die Deutschen auch bei diesem Einsatz etwas später an als Amerikaner, Dänen, Niederländer, Australier, Japaner, Italiener und Franzosen.

          Dafür hat der aus drei Fregatten, drei Versorgungsschiffen, einem Tanker und demnächst fünf Schnellbooten bestehende Verband nach Einschätzung seines Kommandanten, Flottillenadmiral Gottfried Hoch, aber viel zu bieten. Damit könne man hervorragend auf die neue „asymmetrische Bedrohung“ reagieren. Hinter diesem Militärjargon verbergen sich unberechenbare Terroristen, die sich in einem Hubschrauber oder auf einem Fischkutter verbergen können. Neu sei auch die formal erst seit Jahresanfang existierende Kommandostruktur für derartige Auslandseinsätze, erklärt Hoch. Er ist mit seinem Flottenverband nicht den Amerikanern, sondern dem „Einsatzführungskommando“ im deutschen Verteidigungsministerium unterstellt, das auch den Einsatz der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan koordiniert. „Man wird auch als Kommandeur eines solchen Verbandes am absolut kurzen Zügel gehalten“, sagt der Admiral, ohne jedes Bedauern. „Schließlich ist es wichtig, dass wir nur das tun, was durch den Bundestagsbeschluss gedeckt ist.“

          "Krise ohne Front"

          Zusammen mit den Amerikanern soll dann entschieden werden, welches Gebiet die Deutschen genau sichern sollen, was dann noch einmal mit dem Verteidigungsministerium in Potsdam abgestimmt werden muss. Mit welcher Art von Bedrohung sie rechnen müssen, wenn sie im fremden Gewässer Schiffe nach Waffenlieferungen und untergetauchten Terroristen durchsuchen sollen, glauben die deutschen Marinesoldaten zu wissen. Sie alle wissen um den Angriff auf den Zerstörer „USS-Cole“, bei dem im Oktober 2000 im Hafen von Aden, also nicht weit deutschen Einsatzgebiet entfernt, 17 US-Soldaten starben. „Für solche Situationen haben wir aber inzwischen trainiert“, erklärt Mario aus Sachsen, der bei einer Schnellboot-Übung mit britischen Soldaten neulich den „bösen Terroristen“ mimen musste, der mit seinem Maschinengewehr Kurs auf die Fregatte nimmt.

          Doch Detlef, der mit ihm auf der Bank sitzt, ist da vorsichtiger. „Mit den Terroranschlägen vom 11. September hatte so auch niemand gerechnet“, gibt er zu bedenken. Endlich hat das Warten bei trübem Wetter ein Ende. Die ägyptische Kanalbehörde hat den deutschen Schiffen die Durchfahrgenehmigung erteilt. „Um ein Uhr früh wird sich der Konvoi in Marsch setzen“, tönt es aus der Lautsprecheranlage. Am kommenden Wochenende sollen sie im Zielhafen einlaufen. „Was dann kommt, darüber können wir jetzt bestenfalls spekulieren“, sagt ein Soldat und fügt hinzu, er jedenfalls ziehe nicht in den Krieg. „Das hier ist eine Krise und zwar eine ohne Front“, meint er.

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